Mass Effect Andromeda im Test

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Science Fiction Geschichten gibt es wie Sand am Meer. Egal ob in Papierform oder in bewegten Bildern. Selbst im Spielebereich ist es nahezu unmöglich, alles Erhältliche aufzuzählen. Spricht man jedoch von »Space Operas« wird die Luft deutlich dünner. Ganze Universen mit Leben, verschiendenen Planeten, Spezies und deren Hintergründen füllen. Die Verhältnisse dieser zueinander, zig einzelne Charaktere und technische Begebenheiten auszuarbeiten, vermag nicht jeder. Gene Roddenberry war ein Meister seines Faches, geht auf seine Kappe doch das schier unendliche Star Trek Universum. George Lucas schaffte Ähnliches mit Star Wars.  Schielen wir zu den gedruckten Epen stoßen wir auf Perry Rodhan und Frank Herberts Dune Welt. Letztere ist jedoch schon weit weniger komplex und umfangreich als der Rest. Im Videogamesbereich gibt es zahlreiche Umsetzungen dieser Werke, eigenständige Entwicklungen hat es hingegen wenige. Phantasy Star vermischt klassisches Fantasy mit Science Fiction, Star Ocean ebenfalls.

ME_12007 sollten Gamer endlich ihr ganz exklusives Epos erhalten. Mass Effect betrat die Bühne und mit ihm ein eigenes, neues Universum. Im Schlepptau all das, was eine große Space Opera benötigt. Menschen, Kroganer, Geth und Turianer erfinden das Rad nicht neu. Natürlich finden sich, vor allem aber nicht nur, zahlreiche Parallelen zu Star Trek. So haben die bulligen Kroganer in Bezug auf Geschichte und Verhalten starke Ähnlichkeiten zu Roddenberrys Klingonen. Die Geth treten zunächst als kollektive Maschinenrasse ala Borg auf. Die Menschen, mit ihrem Streben nach hehren Zielen, könnten in dieser Art ebenso aus Star Trek stammen. Dazu packten die Jungs und Mädels von Bioware Star Wars mäßige Action. Fertig ist das Grundgerüst für ein neues Sci-Fi Universum sowie eine enorm erfolgreiche neue Marke. Durch drei umfangreiche Abenteuer kämpften sich Shepard und seine zusammengewürfelte Crew. Allerdings war es Pflicht, diese in jeder Episode größtenteils neu zusammensuchen. Alle Charaktere warteten mit einer anderen Hintergrundgeschichte auf. Wer wollte konnte in optionalen Nebenquests einiges weitere über sie erfahren. Wir besuchten zig Planeten. Nach Herzenslust konnte mit dem eigenen Schiff, der Normandy, durchs All gekreuzt werden. Zwar konnten Freiheit und Umfang des Ganzen nie mit einen Mammutwerk der Marke Elder Scrolls oder Fallout mithalten. Dennoch hatte man das Gefühl, das Universum würde uns offen stehen. Jeder Nachfolger passte sich mehr den aktuellen Spielegewohnheiten an. Statt dem »abfahren« der Planetenoberflächen via Panzergefährt konnte man später komfortabel (aber langweilig) die Planeten scannen. Wurde man anfangs mit neuem Equipment erschlagen, gab es dieses in den Teilen 2 und 3 nur wohl dosiert. Erzählung und Third-Person-Action traten (noch) weiter in den Vordergrund. Hardcore RPG Fans wendeten sich angewidert ab, die große Masse kaufte und spielte Mass Effect dennoch. In Teil 3 endete der Shepard Zyklus. Im Gegensatz zu anderen Publishern und Entwicklern ließen EA und Bioware die Reihe tatsächlich ruhen. Zwar wurde recht schnell angekündigt, das es ein weiteres Mass Effect geben würde, es sollte aber ganze fünf Jahre dauern, bis der Nachfolger das Licht der Welt erblickte. Ob und was sich geändert hat, wie es nach den Geschehnissen aus Mass Effect mit der Menschheit weitergeht? Das erfahrt ihr jetzt!

 

ME_11Shepard und Kollegen gehören der Vergangenheit an. Wortwörtlich, denn seit Mass Effect 1-3 sind knapp 700 Jahre vergangen. Als Mitglied der „Andromeda Initiative“ seid ihr Teil einer Kolonisierungsmission. Weit entfernt von der Erde und unserer Galaxie solltet ihr den Kolonisten den Weg ebnen. Kaum aufgewacht geht alles schief, was schief gehen kann. Euer Schiff wird beschädigt, die Raumstation wurde nicht fertiggestellt, die anderen Archen sind verschwunden und zu allem Überfluss scheint kein einziger der vorhandenen Planeten für eine Besiedlung geeignet. Schlimmer noch: Unbekannte, kriegerische Aliens machen euch die Vorherrschaft streitig!

 

So befindet man sich schnell in bekannten Gewässern. Nicht nur die Bedienung des Spiels ist aus den Vorgängern bekannt. Trotz einem 600-jährigen Zeitsprung sieht Andromeda auf den ersten Blick wie seine Vorgänger aus. Waffen, Kleidung, Schiffe. Alles kennen wir, zumindest in sehr ähnlicher Form, bereits aus den Episoden 1-3. Die neue Station entpuppt sich als Klon der Citadel, das innere der Tempest weist deutliche Parallelen zur Normandy auf und selbst unser Gefährt für Bodeneinsätze erinnert an den „gute“ alten Mako Panzer des Erstlings. Immerhin wurde die Steuerung verbessert. Manche wird es freuen, ist doch keine große Einarbeitung nötig. Man könnte aber auch sagen die Macher haben es sich einfach gemacht. Statt die Chance zu nutzen und einen richtigen Neuanfang zu wagen, serviert man uns mehr vom Gleichen. Es macht keinen großen Unterschied, wo die Planeten zu finden sind. Ein Zeitsprung 700 Jahre in die Zukunft, in einer weit entfernten Galaxie? Schön, dass wir immer wieder darauf hingewiesen werden. Man könnte es sonst glatt vergessen. Menschen, Turianer, Assari, Kroganer? Alle da. Lediglich die Geth fehlen. Für Kenner der Serie nicht verwunderlich, schließlich waren diese zu Beginn der Mission (also zeitlich gesehen zu Zeiten von Mass Effect 1) der Feind und wer nimmt den gerne mit auf solch eine Reise? Dieser Part wird in Andromeda von einer neuen Rasse, den Kett, übernommen. Doch auch hier wollte man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Wirklich fremd wirken sie auf Mass Effect Spieler nicht. Stattdessen erinnern sie frappierend an die, im zweiten Teil eingeführten, Kollektoren. Die Thirdperson Action läuft daher ebenfalls wie gewohnt ab. Nichts Neues an der Kriegsfront.  So entscheidet ihr euch zu Beginn des Spiels für einen männlichen oder weiblichen Protagonisten. Wählt aus vorgegebenen Figuren oder erstellt eure Eigenkreation. Danach startet ihr als Mitglied der Ryder Familie ins Spiel. Abhängig von eurer Wahl des Geschlechts habt ihr einen Bruder oder eine Schwester. Allerdings wird dieser bzw. diese gleich zu Beginn aufgrund eines Unfalls  im Cryoschlaf gelassen. Der Vater ist ebenfalls, als leitender Pathfinder, mit an Bord.

 

ME_5Wie von Bioware Titeln gewohnt gibt es viele Gelegenheiten für Gespräche. Neben den Storyrelevanten Charakteren und damit verbundenen Dialogen, gibt es die obligatorischen Beziehungsgespräche (Techtelmechtel incoming!) mit Mitgliedern der Crew. Zudem steht quasi an jedem Eck eine Gruppe von Personen, die in Palaver vertieft sind. Mal könnt ihr aktiv daran teilnehmen, ein anderes Mal nur zuhören. Vom belanglosen Small Talk ala „was gibt’s zu essen“ über Infos zur aktuellen politischen Lage, Hinweise auf neue Quests oder zurückliegende Ereignisse ist alles vorhanden. Hier und da finden sich Audiologs von manch altem Bekannten. Eine nette Dreingabe für Kenner der Shepard Trilogy.

 

Einige Zeit später steht, natürlich, die erste Mission an. Nach einer Bruchlandung ist euer Ziel, die verstreute Mannschaft zusammenzuführen und zu erfahren, warum der Planet in dem Zustand ist, in dem er nun mal ist. Erwartet hatte man ein Paradies, bei eurer Ankunft findet ihr jedoch das Gegenteil vor.  In der Atmosphäre kann man ohne Schutzanzug nicht überleben, nennenswerte Flora und Fauna sucht man vergebens. Alles wirkt karg, mehr tot als lebendig. Zudem schlagen überall tödliche Blitze ein. Der Grund dafür ist schnell ausgemacht, verstehen könnt ihr es dennoch nicht. Am Ende der Mission seit ihr nur wenig schlauer, Vater und zahlreiche Kett sind tot. Letztere gehen auf euer Konto. Der „Erstkontakt“ läuft definitiv feindselig ab. Third Person Deckungsgefechte sind die Folge. Mit jedem Abschuss gibt es EXP, welche, wie gewohnt, auf überwiegend altbekannte Fertigkeiten verteilt werden. Neben verschiedener Ausrüstung findet ihr überall Rohstoffe. Mit diesen wird zunächst neues Equipment erforscht, bevor es in die Produktion geht. Beides könnt ihr in den entsprechenden Räumlichkeiten eures Schiffes, oder auch an verschiedenen Stellen auf den Planetenoberflächen in Auftrag geben. Apropos Planeten, wurden diese in Teil eins noch mühsam mit dem Mako abgefahren und in Teil 2 schnöde "gescannt" um Sammelgegenstände, Rohstoffe & Co. zu entdecken, wechselt man diesmal zu einem Mix. Es gibt einfach beides. Die meisten sind ohnehin nicht begehbar. Hier lautet die Devise: scannen, was aber nochmals vereinfacht wurde. Dort angekommen werdet ihr sofort darauf hingewiesen, ob etwas zu finden ist.  Anschließend wird der Planet „abgescrollt“ (dauert nur wenige Sekunden). Befindet ihr euch in der Nähe der Fundstücke, kommt der Vibrationseffekt des Pads zum Einsatz. Ein Kinderspiel also. Das lange und öde scrollen aus Teil 2 und 3 gehört der Vergangenheit an. Fehlt der Hinweis auf die Anomalie, gibt es nichts zu entdecken. Die Prozentanzeige schnellt sofort hoch. Planet erledigt. Das macht die Suche extrem einfach und nutzerfreundlich, wirft aber auch die Frage auf, wozu es dann überhaupt im Spiel geblieben ist. Wozu eine neue Galaxie mit zig Planeten einbauen, wenn ich doch 90% davon nicht betreten, sondern binnen weniger Sekunden scannen kann?

 

ME_7Habt ihr einen Begehbaren entdeckt (meist eben jene mit Spielmissionen) könnt ihr zunächst zu Fuß und später mit eurem Gefährt frei die Oberfläche erkunden. Neben den Story relevanten Punkten finden sich zahlreiche Rohstoffe, Ruinen, Leichen etc. pp.. Hier zollte man dem ungebrochenen Ruf nach Open World Elementen Tribut. Für den Sammler gibt es einiges zu tun. Nahezu alles ist jedoch optional. Das Ende des Spiels erreicht ihr auch ohne den ganzen Kram.  Neu ist die Möglichkeit die Planeten nachhaltig zu verändern. Hin und wieder könnt ihr Außenposten zur Besiedlung einrichten. Ihr entscheidet euch zwischen dem militärischen und wissenschaftlichen Zweig. Schwups, wenige Sekunden später steht eine komplette Siedlung mit allem was das Herz begehrt auf der eben noch freien Ebene. Zig NPCs, Forschungs- und Produktionsstätten inklusive. Nicht realistisch, aber nett und für die weitere Erkundung hilfreich. Zudem scannt ihr nun auch mit eurem Universalwerkzeug nahezu alles, was es zu finden gibt. Manchmal ist es zum Weiterkommen nötig. Viel öfter jedoch bringt es einfach Rohstoffe.

 

Die Planetenoberflächen sind abwechslungsreich und teilweise extrem gut anzusehen. Man spürt die Weite, das Fremde. Sci-Fi Feeling pur….zumindest auf den ersten Blick. Denn wie bei fast allen Zutaten von Mass Effect Andromeda gibt es auch hier Licht und Schatten. Eben noch genießt ihr ein atemberaubendes Panorama, da holen euch im nächsten Moment spät aufpoppende Texturen,  im Nichts verschwindende Fußspuren und Ruckler auf den Boden der Tatsachen zurück. Technisch läuft es oftmals alles andere als Rund. Getestet wurde die Xbox One Version und ausgerechnet auf dieser soll es stark auffallen. Besonders ärgerlich: Die Probleme sind nicht neu. Bereits der Serienerstling litt hier und da unter ähnlichen Problemen. Heute, 10 Jahre später fällt es umso mehr auf und darf bei einem AA Titel einfach nicht passieren. Das z.B. Büsche durch unsere Figur durchgleiten statt sich zur Seite zu bewegen ist im Jahre 2017 schlicht peinlich.
 

ME_3Erzählerisch befinden wir uns ebenfalls auf bekanntem Niveau. Die Story ist nett geschrieben, die Figuren auch. Nett, aber nicht überragend. Sci-Fi Standardkost eben. Vergleicht man das Ganze mit der ersten Trilogy, tut man dem Spiel jedoch unrecht. Shepard und seine Mannen hatten schließlich drei Episoden Zeit für ihre Entwicklung. Mass Effect 1 bot nicht viel mehr…um genau zu sein sind sich beide Spiele, in Sachen Erzählung und Dramaturgie, gerade zu Beginn, verdächtig ähnlich. Auch hier schien man auf Nummer sicher zu gehen. Andromeda wirkt teilweise wie ein Abziehbildchen des Erstlings.

 

Hält man einige Zeit inne und betrachtet z.B. die vollbesetzte Kolonie oder die Brücke der Nexus ist noch etwas festzustellen. NPCs sind zwar zahlreich, haben aber nichts zu tun. Sie führen kein wirkliches Eigenleben. Alle stehen irgendwo herum, es gibt keine Dynamik. Betretet ihr einen Raum und trefft eine sich unterhaltende Gruppe steht diese 20 Minuten später noch immer exakt so da. Shuttles starten und landen, doch niemand betritt oder verlässt sie. Beladen, entladen? Keine Chane. Während in Bethesdas RPG Epen fast jeder Bewohner augenscheinlich einer Beschäftigung nachgeht, sind in Mass Effect die meisten NPCs starre Statisten. Eine lebendige Welt sieht anders aus.

Zu guter Letzt hat es auch der seit Teil 3 bekannte Multiplayerpart ins Spiel geschafft. Anders als im Vorgänger wurde er diesmal aber recht gut ins eigentliche Spiel integriert. Auf der Nexus könnt ihr Kommandomissionen starten. Diese erledigt ihr entweder selbst im Multiplayer, oder schickt schnöde ein Team los. In letzterem Fall gibt es später einfach einen abschließenden Bericht. Geht ihr persönlich auf Mission, heißt es wieder: Alle Gegnerwellen erledigen, Daten Sammeln oder eine Zielperson beschützen. Auch im Multiplayer gibt es, man kann es sich denken, nichts Neues. Für den ein oder anderen ein Lichtblick: er ist optional!

 

 

Alexander meint:

Alexander

Auch wenn es im Test hier und da anders wirkt: Mass Effect Andromeda ist gut. Es mag zum Teil  an der Erwartungshaltung liegen. Zwischen Teil 3 und Andromeda liegen 5 Jahre. Zudem befinden wir uns in einer neuen Konsolengeneration. Sprich: mehr Power! Da erwarten viele Spiele einfach mehr, als man uns 2012 aufgetischt hat.

Abgesehen von der insgesamt besseren Technik bietet es einfach zu wenig Neues. Dank Zeitsprung und neuer Galaxie standen Bioware alle Türen für einen waschechten Neuanfang offen. Doch für diesen großen Schritt war man scheinbar nicht bereit. Wie sonst ist es zu erklären das nahezu alles aus den vorherigen Spielen, was halbwegs plausibel möglich war, wieder in das neue gepackt wurde? Schade, dass auch zahlreiche Fehler und Bugs mitgereist sind. So bietet Mass Effect Andromeda mehr vom gleichen... auf dem Stand von 2012.

Wer genau das erwartet, der findet hier die Erfüllung seiner Träume. Alle anderen halten nach dem nächsten Sci-Fi oder Bethesda Spektakel Ausschau.

Positiv

  • Die volle Sci-Fi Dröhnung
  • großer Wiedererkennungseffekt
  • Leichte Bedienbarkeit

Negativ

  • zahlreiche technische Schnitzer
  • ein Neuanfang, aber kein richtiger
  • 08/15 Story
Userwertung
7.8 2 Stimmen
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Forum
  • von Black Sun:

    Retrozocker schrieb: Um die Bugs geht es gar nicht. Eher darum, wie man die neuesten Ableger designt hat. Im Endeffekt ist bei Bioware seit dem zweiten Ableger der jeweiligen Serie die Zeit stehen geblieben. Man hat keine neuen Impulse mehr...

  • von bbstevieb:

    Retrozocker schrieb: Schnell hingeklatscht hat man es nicht. Man hat es fünf Jahre in der Pipeline gehabt. Nur hätte man vermutlich noch ein Jahr gebraucht, oder man hat die offensichtlichen Mängel am Produkt nicht gesehen, was ich nicht...

  • von Retrozocker:

    Schnell hingeklatscht hat man es nicht. Man hat es fünf Jahre in der Pipeline gehabt. Nur hätte man vermutlich noch ein Jahr gebraucht, oder man hat die offensichtlichen Mängel am Produkt nicht gesehen, was ich nicht nachvollziehen kann. Die schwachen Dialoge, die miesen Gesichtsanimationen, die...

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