Mass Effect 3 im Test

PlayStation3Xbox 360

Es ist soweit, die Reaper blasen zum Angriff auf unsere Galaxie, die Erde und die Heimatplaneten der anderen Rassen werden von den Maschinenwesen angegriffen, ganz wie es der Vorbote ankündigte. Zeit, den Helden der Vorgänger, welcher im zweiten Teil zur Terrorgruppe Cerberus gehörte, zu begnadigen und ihn auf Rekrutierungsmission zu schicken. Denn alleine hat die Menschheit keine Chance gegen die Reaper...

Mit Mass Effect 3 möchte Bioware die Saga um Commander Shepard beenden und die Geschichte, warum die rätselhaften Maschinenwesen »Reaper« die Galaxy säubern wollen, aufklären. Der Einstieg in den dritten Teil geht überraschend schnell vonstatten. Da Mass Effect 3 genauso wie Teil 2 erlaubt, den Charakter aus dem Vorgänger zu importieren, werden relevante Entscheidungen aus den Vorgängern übernommen. Starb Ashley den Heldentod in Teil 1, begleitet euch Kaidan oder vice versa.

 
Hollywood Kino auf Konsole
 
mass_effect_3_14Mass Effect 3 ist vergleichbar mit einem Hollywood-Blockbuster. Denn sowohl Story als auch Charaktere und Aufmachung gehen den Erfolgsweg bekannter AAA-Produktionen aus Kalifornien. Die guten 30 - 40 Stunden Mass Effect fliegen an einem vorbei, charakterliche Tiefe und Handlungsstrang sind streng auf Massentauglichkeit gebürstet. Nach Genuss des Titels fühlt man sich wie nach einem James-Cameron-Film: Gut unterhalten, aber ohne Nährwert für Herz und Geist. Denn nahezu jeder Charakter des Mass Effect Universums kreuzt erneut Shepards Weg. Leider ohne eine wirkliche Bindung aufzubauen, man fühlt sich oft an Pflicht-Kameos erinnert, obwohl die interessanten Charaktere einen nicht unwesentlichen Teil des Mass-Effect-Universums ausmachen.
 
Ein persönliches Beispiel: Seit Teil 1 ist mein Charakter seiner Liebe treu, die attraktive Liara T‘Soni hat mir bereits im Serien-Erstling den Kopf verdreht, nicht zuletzt wegen unzähliger Dialogmöglichkeiten. Leider nahmen diese Gesprächsmöglichkeiten im zweiten Teil unter Crewmembern ab, man lebte nebeneinander her. Teil 3 markiert hier leider den Tiefpunkt. Natürlich habe ich meine Romanze mit Liara wieder aufleben lassen, doch sind in Teil 3 tiefergehende Dialoge überhaupt nichtmehr möglich, ganz selten erlaubt Bioware mir eine kurze Sequenz. Ich erfahre nichts mehr von meiner Partnerin, außer ein kurzes »Hallo Shepard!« haben die meisten Crewmember nicht mehr viel zu sagen. Das enttäuscht, wirkt steril und führt dazu, dass ich mich emotional von meinen Mitstreitern entferne.
 
Auch in der sonstigen Inszenierung wählten die Kanadier den Weg des Mainstream-Kinos. Eine recht simple Geschichte, optisch ansprechend inszeniert, bringt die Saga zu einem Ende. Als Fan von klugen, tiefgründigen Storys eines Metal Gear Solid oder Deadly Premonition bietet Mass Effect 3 weder die nötige Genialität noch perfekt ausgearbeitete Charaktere. Das ist nicht unbedingt nötig, und wohl auch nicht Ziel von Bioware, doch dass die Entwickler Charaktere besser zeichnen können, haben etliche ältere Bioware-Spiele bewiesen. Nicht zuletzt Dragon Age Origins, bei denen meine Zeiten im Lager gute 50% der Gesamtspielzeit ausmachten.
 
mass_effect_3_12Von Kriegsaktivposten und Rekrutierungskampagnen
 
Die Hauptaufgabe Shepards im dritten Teil der SciFi-Saga liegt in der Organisation des Widerstandes gegen die Reaper. Zum einen hilft da der Bau des Tiegel - eine uralte Waffe der von den Reapern ausgelöschten Protheaner, von der lediglich ein Bauplan erhalten ist. So macht sich Shepard auf die Suche nach Mechanikern, Ingenieuren und sonstigen Helfern und Bauteilen um die riesige Waffe fertig zu stellen. Zum anderen benötigt die Menschheit schlagkräftige Unterstützung aller anderen Rassen der Galaxie, welche ebenfalls unter Reaper-Angriffen leiden und logischerweise zuerst an ihr eigenes Wohl denken. So muss Shepard nicht nur zur Waffe greifen, um die Bedingungen für eine Zusage der Alien-Rassen zu erhalten, sondern auch diplomatisches Geschick beweisen. So bedingt die Unterstützung der Kroganer die Heilung der Genophage, was den Salarianern gar nicht passt. Hier ist die eine oder andere unpopuläre Entscheidung Shepards gefragt. Leider finden sich nicht viele Szenarien dieser Brisanz in Mass Effect 3, meist erreicht man das Optimum, indem man stets die »positive« Antwort aus gerade einmal zwei Antwortmöglichkeiten wählt. Insgesamt sind die Antwort- und Handlungsmöglichkeiten im dritten Teil noch einmal zurückgefahren worden.
 
Die Bereitschaft für die finale Mission kann Shepard jederzeit auf der Normandy am Kriegsterminal einsehen. Jedes gefundene Artefakt, jede überredete Rasse, jeder angeworbene Söldner - alle gelten als »Kriegsaktivposten« und erhöhen den Bereitschaftslevel für den finalen Schlag gegen die Reaper. Wer optimal vorbereitet in den Kampf gehen will, nimmt so jedes Nebenquest mit, scannt jede Galaxie nach Artefakten und erledigt so manchen Laufjungen-Job auf der Citadel. Leider sind diese Nebenmissionen meist nicht mit interessanten Geschichten verbunden, so dass der Spieler sie meist uninteressiert abarbeitet.
 
mass_effect_3_4Den Onlinemodus webte Bioware geschickt ins Singleplayer-Erlebnis ein. Im »Galaxy at war« Modus erledigt ein separater Online-Charakter - Shepard selbst gibt sich nicht die Ehre - Unmengen von Gegnerwellen, um so die Bereitschaft für den finalen Schlag im Singleplayer zu gestalten. Nutzt der Spieler den Onlinemodus nicht, steht diese Bereitschaft stets auf 50% und man kann nie die volle Schlagkraft nutzen. Die Idee von Galaxy at War ist also interessant, aber leider eher mäßig umgesetzt, denn der Onlinemodus bietet nicht genug Abwechslung, um zur Erhöhung der Bereitschaft zu motivieren.
 
Kam im Vorgänger die Citadel noch recht kurz, hat sich Bioware wieder auf den ersten Teil besonnen und die Basis des hohen Rats wieder deutlich ausgebaut. Die Anzahl der Areale wurde deutlich aufgestockt, die Anzahl der Shops ebenso. Leider hat man kaum die Möglichkeit mit Menschen oder Aliens zu sprechen, nur ganz vereinzelt kann ein Plausch gehalten werden. Das demotiviert und vermittelt nicht den Eindruck einer lebendigen Spielwelt, so dass die Citadel deutlich an Attraktivität einbüßt.
 
Gears of Mass Effect
 
Ein häufig von Fans kritisierter Aspekt ist die actionlastige Ausrichtung der Serie, bzw. ihre Entwicklung. Die Rollenspielaspekte des ersten Teils wurden im Nachfolger deutlich zurückgefahren zugunsten der Action. Dies setzt Bioware auch im dritten Teil fort. Die Ballereinlagen sind zahlreich, aber dynamisch. Die unzähligen Deckungsmöglichkeiten an allen Locations zeigen, wie der Hase läuft: Ducken, schießen, Schild regerieren, Tech- oder Biotik-Skill einsetzen, decken, schießen. So gestaltet sich ein Löwenanteil aller Bodenmissionen. Gegner spawnen stets in Wellen, welche beseitigt werden und meist mit einem Mech oder besonders fiesen Gegnern abschließen. Fans von 3rd Person Shootern erhalten gut choreografierte Balleraction, welche insbesondere auf höheren Schwierigkeitsgraden überlegten Einsatz der Tech- und Biotik-Kräfte benötigt. Alternative Missionen wie noch die Infiltrierungsmission mit Kasumi in Teil 2 sucht man aber bei Mass Effect 3 vergebens. Hier werden Aufgaben stets mit Waffengewalt gelöst. Selbst die kleinen Minigames zum Hacken von Türen und Datenpads hat Bioware zugunsten der Straffung des Spielgeschehens ersatzlos gestrichen.  
 
mass_effect_3_2Doch Bioware hat zumindest in einigen Aspekten auf die Kritiker gehört und Teil 3 wieder etwas mehr »RPG« verpasst, wenn auch eher auf einer Alibi-Ebene. So lassen sich vereinzelte Skills nun unterschiedlich aufleveln, indem der Spieler beim Verteilen der Skillpunkte stets zwischen zwei Alternativen wählen muss. Auch das Finden von besseren Waffen samt zugehöriger Mods ist wieder mit von der Partie. Gefundene Waffen können an einer Werkbank mit Addons versehen werden, welche entweder die Durchschlagskraft erhöhen, das Gewicht verringern oder sonstige Verbesserungen mit sich bringen. Das verleiht ein wenig die Illusion der Entscheidungsfreiheit, wenn auch die einzelnen Entscheidungen sich kaum aufs Spiel auswirken, denn meist reicht es aus die strunzdummen Gegner mit MG-Salven einzudecken, bis sie die Segel streichen. Lediglich auf dem höchsten Schwierigkeitsgrad hat die Waffen- und Addon-Wahl einen Einfluss auf den Erfolg der Mission.
 
Technisch ohne jeden Tadel
 
Natürlich ist nicht zu erwarten, dass ein derartiges Projekt wie Mass Effect sich große Fauxpas in der optischen und akustischen Präsentation leistet. So ist auch der dritte Teil der Weltraumsaga optisch erste Sahne und weiß mit tollen Charaktermodellen und beeindruckenden Sequenzen zu begeistern, welche ab und an aber minimal ruckeln. Erfreulich ist auch die Tatsache, dass die PS3 Version diesmal ohne eine Installation auskommt und die Ladezeiten im Vergleich zum Vorgänger reduziert wurden. Allein die Gestaltung der Reaper und deren Angriff auf die Erde erweckt den Eindruck, man sei mitten in einem Roland-Emmerich-Streifen und schließt den Kreis zur anfangs gezogenen Hollywood-Parallele.
 
Akustisch bietet auch Mass Effect 3 wieder einen herausragenden Soundtrack, welcher je nach Situation bedrohlich, orchestral oder synthetisch klingt - aber der Soundtrack war ja stets ein Aushängeschild der Serie. Auch auf die Bedürfnisse der Spieler, welche gerne die Originalsynchro nutzen, wurde geachtet. Die deutsche Synchro ist zwar insgesamt ordentlich, jedoch gelegentlich asynchron und unpassend betont. Wer aufs englische Original setzt, stellt seine PS3 auf Englisch um, oder lädt die englische Tonspur auf der Xbox 360 runter.



Heiko meint:

Heiko

Mass Effect 3 beendet die Odyssee von Commander Shepard pompös und nicht völlig unumstritten. Die Wandlung vom SciFi-RPG zum 3rd-Person-Shooter mit Beziehungsmanagement wurde konsequent weitergetrieben. Jedoch gestattet man den Fans von RPG-Elementen zumindest wieder Waffenupgrades und ein etwas breiteres Skillsystem. Leider versagt Mass Effect 3 in der für mich wichtigsten Kategorie: Der Tiefe und der Identifikation mit den Charakteren. Dialogmöglichkeiten mit Crewmembern sind im dritten Teil ein rares Gut geworden und führen zur Entfremdung zwischen Spieler, Hauptcharakter und Crewmembern. Mass Effect 3 ist wie ein Hollywood-Blockbuster: Optisch beeindruckend, aber ohne Tiefgang. Schade, denn die Charaktere sind alle interessant gezeichnet, leider ließ man viele Möglichkeiten der Charakterentwicklung im Laufe der Serie ungenutzt, so dass viele ehemalige Crewmember nur noch für einen Cameoauftritt gut sind. Wer jedoch auf pompös inszenierte 3rd Person Shooter steht und auch nicht vor gelegentlichen Dialogen zurückschreckt, wird mit Mass Effect 3 vorzüglich bedient. Und wer die Serie einmal angefangen hat, bringt sie so oder so zu Ende ...

Positiv

  • großartige Präsentation
  • verbessertes Kampf-Gameplay
  • Charakterimport aus dem Vorgänger

Negativ

  • Interaktionsmöglichkeiten mit Charakteren begrenzt
  • Story ohne großartigen Tiefgang
  • gelegentliche Ruckler in Sequenzen
Userwertung
7.7 3 Stimmen
Wertung abgeben:
7.7
senden
Forum
  • von aldi404:

    Der ME3 Multiplayer macht immer noch Spaß, hoffentlich wollen die Belgier den nicht auch noch verbieten, wegen der Lootboxen. ...

  • von Black Sun:

    Macht man aber afaik nur, wenn man etwas ungünstig zwischen den Planeten hin und her springt. Folgt man halbwegs dem Quest/Story Aufbau, wechselt man nicht wirklich oft die DVD.

  • von BlackLion:

    Nein habe ich nicht installiert :-)) War bei Teil 2 auch schon so man legt Nr 1 ein dann Nr 2 dann wieder Nr 1,dann wieder Nr 2...

Insgesamt 2507 Beiträge, diskutiere mit
Mehr zum Thema