Midnight Swamp ist ein kleines, feines Point-and-Click-Adventure, das genau weiß, was es sein möchte, und diesen Anspruch mit erstaunlicher Konsequenz durchzieht. Hier tauchen die Spieler in eine düstere Märchenwelt ein, die sich irgendwo zwischen kindlicher Fantasie und Albtraum bewegt. Wer klassische Adventures wie Shadowgate oder die frühen Broken-Sword-Teile kennt, wird sich hier sofort zuhause fühlen, auch wenn Midnight Swamp deutlich zugänglicher und kompakter daherkommt als seine Vorbilder.
Die Geschichte beginnt denkbar unspektakulär: Man schlüpft in die Rolle eines namenlosen Campers, der nachts an einem See sein Zelt aufgeschlagen hat. Als er sich gerade einen Beerentee kocht, ertönt aus dem Wasser ein seltsames Kichern. Neugier siegt über Vorsicht und ein einziger Schritt aus der Sicherheit des Zeltes hinaus genügt, und schon findet man sich in einem völlig anderen, verschobenen Sumpfgebiet wieder. Dort wimmelt es von sprechenden Katzen, seltsamen Kreaturen mit Tentakeln und Riesenbibern, die eigentlich nur bedingt vertrauenswürdig wirken. Die Spielwelt erinnert stark an Alice im Wunderland, nur eben mit einer deutlich unheimlicheren, morbideren Grundstimmung. Es ist eine Welt, in der Verwunderung und Gefahr ständig nebeneinander existieren. In der sprechende Tiere niemals ganz aufrichtig scheinen und in der Neugier die Figuren immer wieder dorthin führt, wo sie eigentlich nicht hingehören sollten. Spielerisch ist Midnight Swamp klar zweigeteilt. Die erste Hälfte spielt sich im titelgebenden Sumpf ab, einem verschlungenen, leicht surrealen Gebiet, das sich Stück für Stück durch das Lösen von Rätseln öffnet. Ziel dieses Abschnitts ist es, acht Puppen zu finden, die an acht Schlingen aufgehängt werden müssen. Nur so öffnen sich die Tore eines fernen Schlosses, das hoch über dem Sumpf auf den Spieler wartet. Die zweite Hälfte verlagert sich dann in besagtes Schloss und wirkt spürbar straffer strukturiert. Wo der Sumpf bewusst chaotisch und ein wenig orientierungslos wirkt, fügen sich die Räume im Schloss logischer aneinander. Die Rätsel bauen klarer aufeinander auf, und das Fortschrittsgefühl wird deutlich greifbarer. In diesem zweiten Abschnitt zeigt sich das Spiel auf seinem stärksten Niveau, weil die klare Raumaufteilung dem Gameplay etwas zuträglicher ist.
Im Zentrum des Spiels stehen dabei ganz klar die Rätsel selbst. Midnight Swamp verzichtet weitgehend auf ausufernde Dialogbäume oder komplexes Inventar-Jonglieren, wie man es aus vielen anderen Adventures kennt. Stattdessen setzt es auf eigenständige, in sich geschlossene Denkaufgaben, die auf Beobachtungsgabe und logisches Kombinieren setzen. Die meisten Bildschirme enthalten Hinweise, die sich nicht selten erst an völlig anderer Stelle im Spiel als relevant erweisen. Deshalb ist aufmerksames Spielen und gegebenenfalls auch ein Notizzettel oder die Screenshot-Funktion der Konsole durchaus hilfreich. Die Rätsel selbst sind allgemein fair konstruiert, herausfordernd, aber nie unfair oder unlösbar frustrierend. Manch vereinzelte Rätsel wirken zwar etwas zu vertraut oder wurden im Entwicklungsprozess offenbar vereinfacht. Wie etwa ein Farbzuordnungs-Puzzle im Schloss, das sein Potenzial nicht ganz auszuschöpfen scheint. Insgesamt überwiegt jedoch der Eindruck sorgfältiger, durchdachter Rätseldesigns, die gelegentlich sogar an die eher mechanisch-analogen Rätsel früher Resident-Evil-Teile erinnern. Ein besonderes Highlight ist zweifellos die visuelle Präsentation. Sämtliche Hintergründe und Charaktere sind von Hand gezeichnet, was in der heutigen Indie-Landschaft alles andere als selbstverständlich ist und dem Spiel eine unverwechselbare Optik verleiht. Der Kunststil wirkt zugleich verspielt und morbide, was hervorragend zur Erzählweise des Spiels passt. Diese wechselt ständig zwischen leichtfüßigem, humorvollen Dialog und Momenten echten Erschreckens, die durchaus dazu in der Lage sind, für einen kurzen Schreckmoment zu sorgen. Genau in dieser Gratwanderung zwischen Gemütlichkeit und Unbehagen liegt einer der größten Reize des Spiels. Die Begegnungen mit den skurrilen Bewohnern des Sumpfes, allen voran die schelmische Katze, die einen mit auffällig übertriebenem Enthusiasmus durch die Welt begleitet, sowie eine Hexe, die in einem Lebkuchenhaus lebt und einem die Grundlagen der Zaubertrankherstellung beibringt, tragen wesentlich zur Vielfalt und zum verspielten, aber unheilvollen Grundton des Spiels bei.
Der wohl größte Kritikpunkt betrifft die Spiellänge. Midnight Swamp ist ausgesprochen kurz geraten, ein erster Durchgang lässt sich oft in weniger als einer Stunde abschließen. Für ein klassisches, storygetriebenes Adventure ist das ausgesprochen wenig, und wer eine ausgedehnte, mehrstündige Erfahrung erwartet, dürfte hier enttäuscht werden. Das Spiel fühlt sich dadurch eher wie eine kompakte, in sich geschlossene Kurzgeschichte an, wie ein vollwertiges Abenteuer mit epischem Anspruch. Etwas Wiederspielwert ergibt sich zumindest für Trophäen- und Achievement-Jäger, unter anderem durch eine leicht zu verpassende Aufgabe rund um das Füttern der Katze. Für die breite Masse der Spielerschaft dürfte dieser zusätzliche Anreiz jedoch kaum ausreichen, um über die insgesamt sehr überschaubare Gesamtspielzeit hinwegzutrösten. Trotz dieser Kürze hinterlässt Midnight Swamp einen bemerkenswert stimmigen Gesamteindruck. Es ist ein Spiel, dass seine Atmosphäre konsequent aufrechterhält und mit seiner morbiden Märchenwelt eine ganz eigene, unverwechselbare Identität entwickelt. Wer klassische Point-and-Click-Adventures schätzt und sich an durchdachten, fairen Rätseln erfreut, sowie der handgezeichneten Optik und der leicht unheimlichen Erzählweise etwas abgewinnen kann, dürfte hier auf seine Kosten kommen. Wer hingegen auf der Suche nach einem umfangreichen, viele Stunden füllenden Abenteuer mit komplexer Handlung ist, sollte seine Erwartungen entsprechend anpassen oder eher zu einem längeren Genrevertreter greifen.
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Michael meint:
Am Ende ist Midnight Swamp ein charmantes, atmosphärisch dichtes Adventure, das seine begrenzte Laufzeit geschickt für eine fokussierte, in sich geschlossene Erfahrung nutzt. Es punktet mit liebevoller handgezeichneter Optik, klugem Rätseldesign und einer morbid-verspielten Erzählstimme, die noch lange nach dem Abspann nachhallt, auch wenn man das Spiel selbst innerhalb eines einzigen Abends durchgespielt haben wird. Für Fans klassischer Adventures und schaurig-schöner Märchenwelten ist es eine klare Empfehlung. Auch wenn der Preis angesichts der kurzen Spielzeit im Hinterkopf behalten werden sollte.
Positiv
handgezeichnete Optik mit stimmiger, morbid-märchenhafter Atmosphäre
durchdachtes Rätseldesign, das Beobachtungsgabe und logisches Denken belohnt
Gelungene Balance zwischen humorvollem Dialog und schaurig-unheimlichen Momenten
Am Ende ist Midnight Swamp ein charmantes, atmosphärisch dichtes Adventure, das seine begrenzte Laufzeit geschickt für eine fokussierte, in sich geschlossene Erfahrung nutzt. Es punktet mit liebevoller handgezeichneter Optik, klugem Rätseldesign und einer morbid-verspielten Erzählstimme, die noch lange nach dem Abspann nachhallt, auch wenn man das Spiel selbst innerhalb eines einzigen Abends durchgespielt haben wird. Für Fans klassischer Adventures und schaurig-schöner Märchenwelten ist es eine klare Empfehlung. Auch wenn der Preis angesichts der kurzen Spielzeit im Hinterkopf behalten werden sollte.