Es gibt Momente in der Videospielgeschichte, in denen ein Titel jahrzehntelang im Verborgenen schlummert, um dann plötzlich wieder aufzutauchen und eine ganze Generation von Fans in Verzückung zu versetzen. City Hunter ist so ein Fall. Der einzige offizielle Konsolenableger der legendären Manga- und Animeserie von Tsukasa Hojo erschien ursprünglich im März 1990 exklusiv in Japan für die PC Engine – und blieb damit für westliche Spieler lange Zeit unerreichbar. Jetzt, mehr als drei Jahrzehnte später, bringt Clouded Leopard Entertainment gemeinsam mit SUNSOFT und Red Art Games das Spiel endlich auf moderne Plattformen, darunter die Nintendo Switch. Die Frage ist nur: War das Warten die Mühe wert?
Zunächst zum Kontext: City Hunter, in Deutschland und Frankreich auch als Nicky Larson bekannt, ist eine der prägendsten Anime-Serien der späten 1980er und frühen 1990er Jahre. Die Geschichte rund um den charismatischen Auftragskiller und notorischen Frauenheld Ryo Saeba, der zusammen mit seiner Partnerin Kaori Makimura die Schurken Tokios aufmischt, hat Generationen begeistert. Der Manga lief von 1985 bis 1991 im Weekly Shonen Jump, die Animeserie erlangte weltweiten Kultstatus, und das Ending-Theme „Get Wild" von TM NETWORK hat mittlerweile über 100 Millionen Streams auf sich vereint. Kurz gesagt: Die Vorlage hat Format. Das Spiel von 1990 hingegen war schon damals eher Durchschnitt – und das ist das zentrale Problem dieser Revival Edition.
Spielerisch schlüpft man in die Rolle von Ryo Saeba und kämpft sich durch seitlich scrollende Levels, die an klassische Arcade-Titel der Ära erinnern. Mit der Pistole in der Hand werden Gegnerwellen eliminiert, Leitern erklommen und Türen durchsucht. Die Handlung ist lose an die erste Staffel der Animeserie angelehnt und schickt Ryo gegen eine finstere Megakonzern-Verschwörung, die die ganze Welt bedroht. Das klingt nach bewährter Formel – und genau das ist es auch, im schlechten Sinne. Das Leveldesign besteht aus weitgehend identisch aussehenden Fluren und Räumen, die sich wie ein schlecht ausgeschildertes Labyrinth anfühlen. Ohne Karte irrt man von Tür zu Tür, viele davon Sackgassen, während pausenlos Feinde aus allen Richtungen auftauchen. Das Gameplay fühlt sich an wie ein Zeitdokument – nicht unbedingt weil es charmant-nostalgisch wäre, sondern weil es die Schwächen seiner Entstehungszeit ungeschminkt trägt. Gegnerplatzierungen wirken oft willkürlich, Kollisionsabfragen sind gelegentlich frustrierend, und spätestens nach einer Stunde hat man das Repertoire des Spiels vollständig gesehen. Die gesamte Erfahrung lässt sich in etwa ein bis zwei Stunden abschließen – für einen Vollpreistitel ein mageres Angebot.
Was die Revival Edition dennoch von einer simplen Emulation abhebt, sind die modernen Komfortfunktionen, die ihr beigegeben wurden. Es gibt drei Spielmodi: das unveränderte Original, einen Enhanced Mode, der Bugs behebt, Steuerungsprobleme korrigiert und die KI der Gegner verbessert, sowie einen Hard Mode, der nicht nur den Schwierigkeitsgrad anzieht, sondern auch neue Gameplay-Elemente und veränderte Gegnerplatzierungen mitbringt. Hinzu kommen Speicherstände, ein Rewind-Feature zum Korrigieren von Fehlern, verschiedene Bildschirmmodi inklusive eines nostalgischen CRT-Filters sowie eine Bildergalerie und ein Musikplayer. Diese Extras sind liebevoll zusammengestellt und geben dem Ganzen etwas von einem kleinen Fanpaket-Charakter. Besonders hervorheben lässt sich die erstmalige offizielle Übersetzung ins Deutsche – für viele europäische Spieler ist dies die erste Möglichkeit überhaupt, diesen Titel legal und barrierefrei zu erleben.
Visuell bewegt sich das Spiel naturgemäß im Retro-Pixelbereich der frühen 1990er Jahre. Die Charakterdesigns sind klar an die Anime-Ästhetik angelehnt, die Farbgebung ist kräftig, und Ryo Saeba ist trotz der technischen Beschränkungen der damaligen Zeit erkennbar. Das Eröffnungsbildschirm-Artwork ist dabei das absolute Highlight – hier strahlt die Liebe zur Vorlage am deutlichsten heraus. Im Spielverlauf selbst wirken die Umgebungen jedoch monoton und austauschbar. Jeder Stock, jeder Gang sieht aus wie der vorherige, was die ohnehin schon problematische Navigation weiter erschwert. Der Soundtrack ist ein zweischneidiges Schwert. Die Musikspuren haben durchaus Ohrwurm-Qualitäten und fangen den City-Pop-Geist der Ära ein, aber sie wiederholen sich so häufig, dass die Begeisterung schnell nachlässt. Der integrierte Musikplayer lässt sich die Tracks zumindest in Ruhe anhören – das ist für Fans sicher ein nettes Feature, kompensiert aber nicht den limitierten Umfang des Spiels.
Am Ende steht die Frage: Für wen ist City Hunter auf den modernen Konsolen gedacht? Die ehrliche Antwort lautet: in erster Linie für eingefleischte Fans der Manga- und Animeserie, die schon immer wissen wollten, wie sich das einzige offizielle Konsolenspiel zur Reihe anfühlt. Für Retro-Enthusiasten mit einem besonderen Interesse an der PC Engine-Ära mag es ebenfalls eine historisch interessante Erfahrung darstellen. Für alle anderen – besonders für Spieler, die mit der Vorlage wenig anfangen können und moderne Spielmechaniken, abwechslungsreiches Level-Design oder einen adäquaten Umfang erwarten – ist das Angebot zu dünn und der Preis angesichts der gebotenen Spielzeit schwer zu rechtfertigen.
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Michael meint:
City Hunter ist kein schlechtes Spiel, aber auch kein gutes. Es ist ein Dokument seiner Zeit, sorgfältig aufbereitet und mit respektvollem Aufwand für ein modernes Publikum zugänglich gemacht. Die Revival Edition ist zweifellos die beste und zugänglichste Art, diesen Klassiker zu erleben – aber das relativiert sich schnell angesichts der Tatsache, dass das Grundspiel auch in seiner besten Form nur solide Durchschnittskost war. Man erhält also weniger einen Vollzeittitel als vielmehr einen charmanten, aber kurzen Erinnerungsschnappschuss an die Goldene Ära des Anime-Fanservices. Mehr nicht – aber für Fans der ersten Stunde reicht das vielleicht gerade.
City Hunter ist kein schlechtes Spiel, aber auch kein gutes. Es ist ein Dokument seiner Zeit, sorgfältig aufbereitet und mit respektvollem Aufwand für ein modernes Publikum zugänglich gemacht. Die Revival Edition ist zweifellos die beste und zugänglichste Art, diesen Klassiker zu erleben – aber das relativiert sich schnell angesichts der Tatsache, dass das Grundspiel auch in seiner besten Form nur solide Durchschnittskost war. Man erhält also weniger einen Vollzeittitel als vielmehr einen charmanten, aber kurzen Erinnerungsschnappschuss an die Goldene Ära des Anime-Fanservices. Mehr nicht – aber für Fans der ersten Stunde reicht das vielleicht gerade.