Die Siedler - Das Erbe der Könige im Test

PC Windows
Ich kann mich noch genau an Weihnachten 1996 erinnern: damals, im zarten Pubertätsalter, überraschte mich meine Wonne-Mutter mit einem Geschenk der besonderen Art, nämlich Die Sielder 2 - Veni, vidi, vici. "Bäh, was soll ich denn damit?" dachte ich. Ich wollte doch lieber Tomb Raider unter dem Weihnachtsbaum entdecken als dieses bis dato unbekannte Machwerk. Doch seitdem ich die CD das erste mal im Laufwerk und das Spiel gestartet hatte, gehöre ich auch zu der großen Fangemeinde.
Doch in den letzten acht Jahren hat es deutliche und signifikante, teilweise auch waghalsige Veränderungen in der Serie gegeben. Damit bewiesen die Entwickler bei dem deutschen Studio Blue Byte nicht zuletzt Mut zur Veränderung und trotzten dem allgegenwärtigen Trend des kontinuierlichen "Neu-Aufkochens" und Produktion von Sequels am Fließband. Mathematisch ausgedrückt: Blue Byte != EA

Von den hässlischen Bitmapfigürchen von Die Siedler (Teil 1), über die knuffigen rundungen der Gebäude und Figuren in Die Siedler III bis hin zum nun uns vorliegenden Muster von Die Siedler - Das Erbe der Könige hat sich eine Menge getan...



Selbst im Winter schmiedet Euer Schmied unerschmied...äh unermüdlich


Nachdem einst das Alte Reich unter dem weisen König Keron geeint worden war, sorgte die tyrannische Herrschaft seines Nachfolgers, König Mordred, welcher Keron vom Thron stieß, für einen systematischen Verfall der Einheit des Reiches und einer Verarmung des Volkes, welches bis heute von ihm ausgebeutet wird. Ähnliche Parallelen zu dem nordkoreanischen Diktator Kim Yong Il ließen sich da sicherlich herstellen, doch sieht es in der Siedler-Welt nicht ganz so hoffnungslos aus.



Der Sohn des Köngis, Prinz Dario, der sich bislang in einem kleinen Ort namens Thalgrund versteckt hielt, ist nun viele Jahre später reif und erwachsen genug sich anzuschicken, die Krone wieder zurückzuerlangen und das gebeutelte Volk von Neuem zu Glück und Frieden zu führen.

Etwas ungewohnt dürfte für viele Fans der Serie der Grafikstil sein: anstatt rundiger kleiner Knudelsiedler dirigiert Ihr nun "menschlisch" anmutende Pixelkrieger durch die Pampa. Wer jetzt gleich schon denkt, daß damit der besondere Charme der Serie verloreren gegangen sei, täuscht sich: das charakteristische Merkmal von Die Siedler war vor allen Dingen stets der Wuselfaktor, der einen gewissen Aquarium-Effekt zu erzeugen vermochte. Besitzer südamerikanischer Zuchtfischlein werden dies am besten nachvollziehen können; denn nicht gerade wenige könnten, wie meine Wenigkeit, keinen Tag verbringen, ohne mindestens einige Minuten gespannt das Treiben in der kleinen Unterwasserwelt zu beobachten - und so ist es bei dem neuen Siedler nicht anders.



Eine Siedlung aus der Vogelperspektive


Mittel- und Startpunkt einer Partie / eines Levels ist das obligatorische Hauptgebäude. Von hier aus werden nicht nur Arbeitssklaven, sprich Leibeigene, gekauft, sondern auch Rohstoffe gelagert. Das Prozedere kommt dem von Anno 1503 oder WarCraft 3 (und vice versa) sehr nahe. Die Mädchen für Alles werden nun mit verschiedenen Bau- und Rohstoffabbaumaßnahmen konfrontiert.

Es wird Holz gehackt, Granit abgebaut oder (bei einem entdeckten Vorkommen) Erzminen zur Förderung der wichtigen Rohstoffe errichtet. Zur nutzvollen Weiterverarbeitung dieser Rohstoffe gilt es dann weitere Gebäude der wirtschaftlichen Infrastruktur hinzuzufügen. So kann man mit einem gehackten Baum mehr schlecht als recht ein Haus bauen. Ein Sägewerk muß da schon her, welches die krustigen Stämme zu verarbeitungswürdigen Brettern bearbeitet. Die geförderten Erze hingegen können u.a. zur Herstellung von Waffen für das Militär dienen.



Auch wenn es sich um Leibeigene handelt, die auch ohne die eigenen vier Wände noch notdegrungen unter klarem Sternenhimmel übernachten würden, sollte man dennoch nicht zu tyrannisch mit ihnen umgehen. Nahrungs- oder Wohnraummangel führen, wie auch bei den ausgebildeten Arbeitskräften, zu erheblichen Effizienzschwankungen gen niedrig. In Krisensituationen kann das bei militärischen Auseinandersetzungen zu herben Verlusten bis gar zu einer Niederlage führen.

Eure malochenden Untertanen sollten also auch ohne Bausparvertrag ein Dach über dem Kopf haben, ebenso wie Lebensmittel. Letztere gewinnt Ihr durch den Anbau von Getreide, das Fischen oder Jagen. Natürlich könnt Ihr auch nicht einfach Getreide zur Verfütterung frei geben, sondern müßt dieses in Mühlen zu Mehl und in Bäckereien zu Brot verarbeiten lassen. Um die Zeitprobleme im Beschaffungsbereich zu lösen, sollte eine Reduzierung der Hierarchie stattfinden. Für alle Nicht-BWLer: es empfiehlt sich Lagerhäuser besonders gut zu verteilen, da der umständliche Hauptweg über das Hauptgebäude gerade bei großen Siedlungen zu Produktionsverzögerungen führt. Wie manche mit Grausen schon bemerkt haben ist Die Siedler - Das Erbe der Könige (wie auch schon die Vorgänger) auf gewisse Art und Weise wirtschaftslastig. Quelle bonne chose!



Shake it munk!


Arbeit macht nicht nur frei, wie einst Schandflecken der Geschichte dieses Landes einst predigten, sondern will auch bezahlt werden. Habt Ihr durch den Abbau von Gold nicht genügend liquide Mittel zur Verfügung, müßen Rohstoffüberschüße via Tauschhandel veräußert werden und in bare Münze schließlich umgewandelt werden. Denn, nichts ist aufreibender als ein unzufriedener Untertan.

Desweiteren müßen natürlich auch Kasernen, Forschungseinrichtungen, Mauern oder Wachtürme gebaut werden, denn Eure Siedlingen ist den benachbarten Regenten ein Dorn im Auge. Eine besonders wichtige Rolle spielen die Forschungseinrichtungen bei der Weiterentwicklungen von Gebäuden, was eine Weiterentwicklung der Produktqualität (z.B. bei Waffen, Schilden etc.) mit sich bringt. Sogar die allmächtige Hand Gottes kann endlich, wenn auch nur virtuell, von praktischem Nutzen sein und zur Besserung der Arbeits- und Kampfmoral beitragen. Für eine entsprechende Lobpreisung ohne Ablaßbriefe sorgen Geistliche.



Irgendwann neigen sich aber auch mal die gemütlichsten Siedlerzeiten dem Ende zu und das Dunkel des militärischen Terrors bringt Schrecken und Angst über Euer Dörf- wenn nicht gar Städtlein. Wer gut regiert hat sich militärisch gewappnet und weiß sich dank der in der Kaserne ausgebildeten und trainierten Streitmächte oder Katapulten gegen den feindlichen Unhold zu wehren. Dabei können die Helden, die hiermit ihren Einstand in der Siedler-Reihe feiern, mit ihren speziellen Fähigkeiten im Kampfgeschehen einen nicht zu verachtenden Beitrag zum positiven Ausgang des Kampfes beitragen. Expansionswütige Imperatoren und diejenigen, die eine Kampagne zu erfüllen haben, streben natürlich ebenso nach einer schnellen Erkundung des unbekannten Territoriums, um nicht dem verlockenden Wuseltreiben mit Hingabe zu erliegen.



Eine Homage an "Der Herr der Ringe"? Der Heldentrupp auf dem Durchmarsch durch Ödland


Im Verlauf der Handlung wird das illustre Heldengespann rund um Held Dario noch zahlreiche Beiträge zum erfolgreichen Ausgang einer Quest beitragen, unter anderem bei der Rettung von wichtigen Zielpersonen, Auslöschen von Räuberhorden oder dem erkunden gefährlicher Pässe. Die obligatorischen Quests gibt es von Mönchen. So taucht Ihr Reise um Reise, Gespräch um Gespräch und Kampagne um Kampagne tiefer in die die Kampagne umreißende Handlung ein.

Jahreszeiten spielen bei dem neuen Siedler ebenso eine gewichtige Rolle wie auch das Wetter. Während sich Eure Untertanen während der frostigen Wintertage den Hintern kalt frieren und dementsprechend lahm schuften, bringt der Sommer quickfideles Treiben. Auch militärische Auswirkungen kann dies haben: so konnte ich während einer Mission beispielsweise keinen Fluß passieren, weil die feigen Landratten diesen nicht gewillt waren zu überqueren. Glücklicherweise sorgte ein frostiger Temperaturwechsel für ein Zufrieren des einst so gefürchteten Flußes, der danach mühelos überquert wurde.



Ist die Kampagne durchgezockt, bietet sich vergnügliches Multiplayer-Gaming an, sei es über Internet oder via LAN. Das Manko bei dem Spiel ist leider nur, daß der enorme Suchtfaktor auf dem Betrachten des wuseligen Treibens basiert und es schon daher geeignete Mitspieler mit viel Zeit und gleicher Leidenschaft aufzutreiben gilt.

Optisch ist das neue Siedler eine wahre Wonne. Die vielen grafischen Details von im Wind wehenden Bäumen, über in den Wäldern hausenden Wildtieren, detaillierte Texturen oder mit größter Liebe zum Detail animierten Siedlern sorgen für einen Kinnlade-Effekt allererster Güte. Das wuselige Treiben läßt sich dank Zoom per Mausrad sogar noch aus nächster Nähe betrachten. Dabei fallen die vielen kleinen Details wie das sukzessive Entstehen von Verarbeitungs- und Gebrauchprodukten oder die sehr detaillierten Gesichtszüge der Siedler. Aus Schornsteinen entweichende Rauchschwaden oder sich im Wind drehende Mühlräder runden einen tadellosen Gesamteindruck im Bereich Grafik ab.



Ist das nicht eine schöne, kunterbunte Siedlung?


Die musikalische Untermalung ist fällt nicht besonders auf, dafür umso mehr die Soundeffekte, die Euch das Sägen von Holz, das Schmieden von Eisen oder Zwitschern der Vögel vernehmen lassen. Darüber hinaus ließen sich die Entwickler bei Blue Byte es nicht nehmen, Frühstüxx-Legende Oliver Kalkofe, der zuletzt als Wixer-Jäger im Kino zu sehen war, als Sprecher zu verpflichten. Meine Numero Uno der deutschen Unterhaltung gibt dabei bei ziemlich jedem eminenten Progress im Spielverlauf seine zynischen Kommentare ab.




¡De puta madre! Ich befinde mich als dahingreisender Spieletester schon seit einiger Zeit in einer Depressionsphase. Ständig diese vielen neuen Spiele, von denen sich fast 90% inhaltlich gleichen, daheim noch Weib und 14 uneheliche Kinder, deren Mütter auf die monatlichen Alimente von mir warten. Da fehlt einem wirklich Zeit und auch Lust sich einem Spiel mal wieder, wie Anno Pubertätszeit, ordentlich zu widmen und es nicht nur im Rahmen eines Testberichtes kalt und objektiv von allen Seiten zu durchleuchten. Die Siedler - Das Erbe der Könige hat es als eines der wenigen Spiele geschafft, mich wieder richtig in seinen Bann zu ziehen und in mir alte Gefühle hervorgerufen, die trotz verändertem optischen Designs, ihre Freundentränen nicht verbergen konnten.


Systemanforderungen:
1,1 GHz CPU
512 MB RAM
32 MB Grafikkarte (Direct X9 kompatibel)

Testsystem
Athlon XP 1,8 GHz
80 GB Maxtor HDD
512 MB DDR RAM
ATI Radeon 9800

Niclas meint:

Niclas

Bei diesem Spiel ist fast alles perfekt, und das sowohl objektiv wie auch subjektiv gesehen. Der unvergleichliche Wuselfaktor hält teilweise für Stunden von der eigentlichen Kampagne ab, wenn nicht gar von dem Abgabetermin dieses Testberichtes. Den Soldaten beim Trainieren, dem Bauern beim Anbau oder dem Schmied beim seinem Handwerk zu beobachten ist eine wahre Wonne und garantiert einen Spielspaß auf lange Sicht, vorausgestzt Euch sagt das Gamedesign ebenso zu wie mir. Die genialen Kommentare Kalkofes sowie die atmosphärischen Soundeffekte tragen ebenso ihren Anteil an dieser Gesamtwertung bei. Ich bin jedenfalls restlos begeistert und möchte jedem Fan solcher Spieler diesen Geniestreich aus deutschen Landen ans Herz legen. 

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Die Siedler - Das Erbe der Könige Daten
Genre Strategie
Spieleranzahl Multiplayer
Regionalcode -
Auflösung / Hertz -
Onlinefunktion Ja
Verfügbarkeit erhältlich
Vermarkter Ubisoft
Wertung 9.3
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neXGam YouTube Channel
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