The Gallery im Test

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Das Genre der Full-Motion-Video-Spiele wurde in den Neunzigern schon einmal für tot erklärt, und doch kehrt es seit einigen Jahren immer wieder zurück. Nachdem Wales Interactive in den vergangenen Jahren bereits mit The Bunker und Nightbook das Genre wiederbelebt hat. The Gallery von Aviary Studios gehört auch zur Gattung der FMV Adventures, die die Rückkehr des Genres ernst nehmen. Hinter dem Projekt steht Paul Raschid, der als Autor und Regisseur schon mit The Complex und Five Dates im Jahr 2020 bewiesen hat, dass er sich in diesem Metier auskennt. Mit The Gallery legt er nun ein Werk vor, das sich weniger wie ein Spiel mit eingestreuten Filmsequenzen anfühlt, sondern eher wie ein Film, der den Zuschauer immer wieder in die Pflicht nimmt.

The-Gallery-03Der erzählerische Kniff ist die Doppelstruktur. Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen, im Jahr 1981 und im Jahr 2021, wobei man in der älteren Epoche einer weiblichen und in der neueren einer männlichen Hauptfigur folgt. Aviary Studios selbst beschreibt das Ganze als Mischung aus Geiselthriller und Sozialdrama, und tatsächlich bewegt sich die Geschichte zwischen angespannter Bedrohung und zwischenmenschlichen Konflikten. Dieser Wechsel hält den Spannungsbogen lebendig, denn kaum hat man sich in einer Epoche eingerichtet, wirft einen das Spiel in die andere. Dass die beiden Erzählstränge miteinander verwoben sind und sich gegenseitig beeinflussen, macht den Reiz aus. Man spielt nie nur eine Szene, sondern immer auch ein Stück Gesamtbild.

In Sachen Spielmechanik bleibt das Spiel dem Genre treu. Man schaut, hört zu und trifft in den entscheidenden Momenten Entscheidungen, meist unter Zeitdruck. Klassische Spielsteuerung im Sinne von Laufen, Kämpfen oder Rätsellösen gibt es nicht, und wer das erwartet, ist hier falsch. Stattdessen lebt das Spiel von den Verzweigungen. Laut Entwicklern warten rund 150 Entscheidungspfade und 18 unterschiedliche Enden. Das ist für ein FMV-Spiel ein stattlicher Umfang, und er bleibt nicht bloße Zahl auf dem Papier, denn die Entscheidungen wirken sich tatsächlich auf den weiteren Verlauf aus. Besonders interessant ist das System, das Beziehungen zwischen den Figuren verfolgt. Wie man mit jemandem umgeht, hat Folgen, die sich oft erst später zeigen. Dazu kommt das Erfolgs- und Misserfolgstracking bei Nebenhandlungen, sodass nicht nur das große Ganze, sondern auch viele kleine Fäden vom eigenen Verhalten abhängen. Das macht The Gallery zu einem Spiel, das auf Wiederholung ausgelegt ist. Wer einmal durch ist, ahnt, dass er nur einen Bruchteil der Möglichkeiten gesehen hat, und möchte wissen, was passiert wäre, wenn man anders gehandelt hätte. Gleichzeitig liegt hier auch eine kleine Schwäche. Wiederholungen bedeuten, dass man Szenen mehrfach sieht, und obwohl sich die Wege verzweigen, bleibt ein gewisses Maß an Leerlauf nicht aus. Die Möglichkeit, bekannte Passagen zu überspringen, mildert das, ersetzt aber nicht das Gefühl, dass sich ein Teil der Spannung beim zweiten Durchgang abnutzt.

The-Gallery-05Der vielleicht wichtigste Pluspunkt ist die Besetzung. Für ein Genre, das früher oft mit hölzernen Darbietungen und sichtbar knappem Budget zu kämpfen hatte, ist die Besetzungsliste beachtlich. Mit George Blagden, bekannt aus Vikings und Versailles, Anna Popplewell aus den Chroniken von Narnia und Kara Tointon stehen Schauspieler vor der Kamera, die man sonst eher aus Serien und Kinofilmen kennt. Das merkt man. Die Darstellerinnen und Darsteller tragen die Szenen mit glaubwürdiger Intensität, und gerade in den angespannten Momenten verleihen sie den Entscheidungen Gewicht. Wenn man weiß, dass die Figur auf dem Bildschirm gerade sichtbar mit sich ringt, fällt die Wahl nicht mehr so leicht wie bei einer reinen Textabfrage. Auch handwerklich wirkt das Ganze sauber. Die Bildgestaltung ist filmisch, die Schnitte sitzen, und die Inszenierung verzichtet weitgehend auf die Billigoptik, die manchem Genrevertreter anhaftet. Der Wechsel zwischen den Zeitebenen wird durch Kostüme, Ausstattung und Atmosphäre nachvollziehbar markiert, sodass man nie lange überlegen muss, wo man gerade ist. Man sollte allerdings bedenken, dass ein interaktiver Film zwangsläufig Kompromisse eingeht. Wenn jede Entscheidung mehrere Fortsetzungen braucht, muss gedreht, geschnitten und produziert werden, und das spürt man gelegentlich daran, dass einzelne Wege weniger aufwendig wirken als andere. Das ist keine Schande, aber es verhindert, dass das Spiel durchgehend auf dem Niveau eines Kinofilms bleibt.

Interessant ist außerdem das Konzept, das Spiel gemeinsam zu erleben. Aviary Studios hat von Anfang an auf die Idee gesetzt, dass man The Gallery nicht nur allein auf der Couch spielen kann, sondern auch als Gruppenerlebnis, etwa im Kino, wo das Publikum per Mehrheitsentscheid den Verlauf bestimmt, oder per Livestream mit Zuschauerbeteiligung. Das passt gut zur Machart. Eine Geschichte, in der es um Gruppendynamik, Druck und moralische Zwickmühlen geht, gewinnt, wenn mehrere Menschen darüber diskutieren, was die richtige Entscheidung wäre. Allein bleibt das Spiel eine intensive Einzelerfahrung, in der Gruppe wird es zum Gesprächsanlass. Dass die Entwickler beide Varianten bedenken, zeigt, dass sie das Medium als soziale Erfahrung begreifen.

The-Gallery-07Inhaltlich richtet sich das Spiel an Erwachsene. Die Altersfreigabe ab 16 Jahren verweist auf Gewalt, derbe Sprache und Drogenthemen, und das passt zum düsteren Ton der Erzählung. Die Geschichte scheut sich nicht davor, unbequem zu werden, und sie nimmt ihre Figuren ernst, auch wenn diese Fehler machen. Das ist ein Gewinn, denn gerade die moralischen Grauzonen machen aus den Entscheidungen echte Dilemmata. Wer sich auf die Figuren einlässt, wird gelegentlich mit Entscheidungen konfrontiert, bei denen es kein klares Richtig oder Falsch gibt, und genau das ist die Stärke des Konzepts. Technisch ist das Spiel auf nahezu allen gängigen Plattformen zu haben, von PC über Konsolen bis zu mobilen Geräten, und der Preis von rund 15 Euro ist angesichts des Umfangs und der Wiederspielbarkeit angemessen. Wer sich die Zeit nimmt, mehrere Durchgänge zu spielen, bekommt reichlich Gegenwert.

Michael meint:

Michael

The Gallery ist ein gelungener Beitrag zur Wiederbelebung des FMV-Genres. Es überzeugt mit einer namhaften Besetzung, einer klugen Doppelstruktur und einem Entscheidungssystem, das Konsequenzen ernst nimmt. Die Schwächen liegen im naturgemäß begrenzten Spielumfang im klassischen Sinn, in gelegentlichen Längen bei Wiederholungen und in einer Nischenausrichtung, die nicht jeden abholt. Wer interaktive Filme mag und Lust auf ein düsteres, gut gespieltes Drama mit vielen Verzweigungen hat, kann bedenkenlos zugreifen. Für alle anderen ist es zumindest ein interessanter Einblick, wie lebendig das Genre inzwischen wieder ist.

Positiv

  • Starke Besetzung mit bekannten Gesichtern
  • Doppelte Zeitebene (1981 und 2021)
  • Hohe Wiederspielbarkeit durch 18 Enden

Negativ

  • genrebedingt kaum klassisches Gameplay
  • Eher für Genre-Fans geeignet
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The Gallery Daten
Genre Adventure
Spieleranzahl 1
Regionalcode Regionfree
Auflösung / Hertz 4K
Onlinefunktion -
Verfügbarkeit 2022-09-08 00:01:00
Vermarkter -
Wertung 7.6
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