Es gibt Spiele, die flüstern statt zu schreien. Die keine Hand reichen, keine Tutorials einblenden und keine Wegpunkte auf die Karte malen. Ringlorn Saga von Graverobber Foundation ist so ein Spiel – und es ist damit ganz bewusst aus der Zeit gefallen, auf eine Art, die man entweder lieben oder meiden wird.
Das Spiel ist ein Action-Rollenspiel aus der Vogelperspektive, in dem man die Rolle von Prinz "Gerhard dem Tapferen" übernimmt, dessen Vater König Wilhelm in einem nahegelegenen Land verschwunden ist, das von einer mysteriösen magischen Barriere umhüllt wird. Die Geschichte ist knapp, fast schon spartanisch erzählt – und das ist vollkommen Absicht. Ringlorn Saga ist im Kern eine Hommage an die klassische Hydlide-Reihe, die 1984 auf japanischen Heimcomputern erschien und im Westen nie den Bekanntheitsgrad erlangte, den sie vielleicht verdient hätte. Wer Hydlide kennt, wird sofort das genetische Material wiedererkennen. Wer es nicht kennt, lernt hier eine vergessene Designphilosophie kennen, die sich vom modernen Spieldesign deutlich unterscheidet.
Das Kampfsystem setzt auf sogenannten Bump Combat: Man kollidiert mit Feinden, um ihren Lebensbalken zu senken, während man gleichzeitig verhindert, dass sie dasselbe mit einem selbst tun. Das klingt simpel, entwickelt aber eine eigentümliche Tiefe. Jedes Mal, wenn man einen Feind trifft, sinkt der eigene Kraftmesser. Wiederholtes Draufschlagen bringt kaum etwas. Der beste Ansatz ist ein rhythmisches Vorgehen: Angreifen, zurückweichen, erneut angreifen. Bei schnelleren Monstern wird dieses Prinzip zu einer kleinen taktischen Herausforderung, die weit mehr Konzentration verlangt, als die schlichte Optik vermuten lässt. Wer sich auf dieses System einlässt, findet darin echte Befriedigung. Wer darauf wartet, dass es sich von selbst erklärt, wird frustriert werden.
Erfahrungspunkte gibt es nur durch das Besiegen von Gegnern, während Gold versteckt in Truhen, vergraben in der Welt oder durch den Verkauf alter Gegenstände beim Händler verdient wird. Gold wird vor allem für das Erlernen von Magie benötigt. Diese Trennung von Kampfbelohnung und Ressourcenmanagement fühlt sich zunächst ungewohnt an, fügt dem Spiel aber eine eigene Logik hinzu. Man kämpft nicht, um reich zu werden – man kämpft, um zu überleben und stärker zu werden. Die Spielwelt ist klein, aber nicht ziellos. Man verliert sich weniger, als man blockiert wird. Oft sieht man schon von weitem Orte, zu denen man möchte – doch Gebirge versperren bestimmte Gebiete, die nur durch unterirdische Passagen erreichbar sind. Höhlen sind dunkle, unangenehme Orte, für die man eine Laterne benötigt. Es gibt vergrabene Schätze, Schlüssel bei Bossen, Rüstungen in Dungeons – all das wartet still darauf, entdeckt zu werden, ohne dass das Spiel je den Zeigefinger hebt und sagt: „Schau mal, dort!" Das ist konsequent und zugleich das größte Risiko dieser Designentscheidung.
Die Spielwelt ist weitgehend offen. Es gibt Hauptquests, die gewisse Fortschrittsgrenzen setzen, aber der Großteil der Nebeninhalte ist von Anfang an zugänglich. Das bedeutet, dass man sich schnell in Bereiche vorarbeiten kann, die für das aktuelle Level eigentlich zu schwer sind – oder umgekehrt, dass man mit überlegenem Equipment durch eigentlich anspruchsvolle Hauptdungeons marschiert. Diese Freiheit ist ein zweischneidiges Schwert: Sie gibt dem Spiel einen offenen, erkundungsfreudigen Charakter, aber sie kann auch das Gefühl von Orientierungslosigkeit erzeugen.
Die Soundkulisse des Spiels bewegt sich zwischen zeitgemäßen Chiptunes und synthetischen, fast industriell anmutenden Instrumentalstücken, die der Welt eine eigentümliche Stimmung verleihen. Nichts davon ist aufdringlich – die Musik fügt sich in die Atmosphäre ein, die das Spiel von Anfang an aufbaut: leise, etwas bedrohlich, aber stets passend zu einem Spiel, das eigentlich aus den 80er Jahren beheimatet sein möchte. Die Pixelgrafik passt dazu nahtlos. Ringlorn Saga sieht aus wie ein Spiel, das 1988 auf einem japanischen Heimcomputer erschienen sein könnte – und das ist eindeutig als Kompliment gemeint. Fans von alten MSX 1 Action-RPGs dürften ihre wahre Freude daran haben.
Das Spiel ist ein kompaktes, herausforderndes Retro-RPG, das die Zeit des Spielers respektiert und dessen Ausdauer belohnt. Zwar ist das Spiel bereits nach etwas mehr als sechs Stunden durchgespielt, aber das ist überschaubar genug, um das Spiel in einem oder zwei Abenden durchzuspielen, und groß genug, um das Gefühl einer echten Reise zu vermitteln. Die Kürze ist dabei kein Mangel, sondern eine Tugend. Graverobber Foundation hat ein Spiel gebaut, das genau so lang ist, wie es sein muss, ohne Füllmaterial, ohne künstliche Streckung. Auf Steam hat das Spiel ausschließlich positive Bewertungen gesammelt, was angesichts seines Nischenpublikums wenig überrascht. Wer Ringlorn Saga kauft, weiß in aller Regel, worauf er sich einlässt. Wer zufällig darüber stolpert und modernes Spieldesign mit Wegpunktsystemen und erklärenden Tutorials erwartet, wird hingegen möglicherweise ratlos zurückbleiben.
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Michael meint:
Ringlorn Saga ist kein Spiel, das man bedenkenlos jedem empfehlen würde – wer eine Pause macht und zurückkommt, dürfte sich eine Weile orientierungslos fühlen. Wer es aber bis zum Ende durchspielt, erlebt ein qualitativ überzeugendes Mini-RPG, das seinen Vorbildern aufrichtig Tribut zollt. Es ist ein Spiel für Spieler, die sich erinnern – oder bereit sind zu lernen – wie es sich anfühlt, wenn ein Spiel einem nichts schenkt und einen trotzdem nicht loslässt. In einer Zeit, in der Spiele immer zugänglicher, erklärender und begleitender werden, ist Ringlorn Saga ein kleines, störrisches Kontraprogramm. Und genau dafür verdient es Respekt.
Positiv
Atmosphärische Pixelgrafik und stimmige Chiptune-Musik
Kompakte Spiellänge ohne künstliche Streckung (~6 Stunden)
Authentische Hommage an klassische Retro-RPGs (Hydlide)
Negativ
Kaum Erklärungen – hohe Einstiegshürde für Neulinge
Offene Welt kann zu unstrukturiertem Fortschritt führen
Ringlorn Saga ist kein Spiel, das man bedenkenlos jedem empfehlen würde – wer eine Pause macht und zurückkommt, dürfte sich eine Weile orientierungslos fühlen. Wer es aber bis zum Ende durchspielt, erlebt ein qualitativ überzeugendes Mini-RPG, das seinen Vorbildern aufrichtig Tribut zollt. Es ist ein Spiel für Spieler, die sich erinnern – oder bereit sind zu lernen – wie es sich anfühlt, wenn ein Spiel einem nichts schenkt und einen trotzdem nicht loslässt. In einer Zeit, in der Spiele immer zugänglicher, erklärender und begleitender werden, ist Ringlorn Saga ein kleines, störrisches Kontraprogramm. Und genau dafür verdient es Respekt.