Es gibt Spiele, die man schon nach wenigen Minuten einordnen kann, und solche, die sich beharrlich jeder Schublade widersetzen. Etrange Overlord gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Das Action-RPG, entwickelt von Broccoli und Gemdrops unter der Federführung von Nippon Ichi Software und im März 2026 für den Nintendo Switch 2 veröffentlicht, ist das erste eigenständige Projekt von Sōhei Niikawa, dem legendären Schöpfer der Disgaea-Reihe, seit er sich von seinem langjährigen Arbeitgeber unabhängig gemacht hat. Wer hier ein strategisches Rundenkampfsystem erwartet, das die Statistikfanatiker unter den Spielern mit astronomischen Zahlenexplosionen verzückt, liegt jedoch falsch. Niikawa hat sich für etwas grundlegend anderes entschieden – und genau das macht Etrange Overlord sowohl faszinierend als auch gelegentlich unbefriedigend.
Im Mittelpunkt steht Etrange Von Rosenburg, eine siebzehnjährige Adlige, deren Geschichte mit einem denkbar schlechten Anfang beginnt: Nach einer falschen Anschuldigung, sie habe gegen die Königsfamilie geplottet, wird sie auf dem Schafott hingerichtet. Statt in das Reich der ewigen Ruhe einzugehen, erwacht sie in der Hölle – und reagiert auf die sie empfangenden Dämonen mit einem Ausbruch dunkler Magie, der diese schnell zur Kapitulation zwingt. Fortan wird es ihr Ziel sein, die Hölle zu unterwerfen und sich ein glückliches Leben zu erkämpfen. Was dieses Glück für Etrange konkret bedeutet, ist erfrischend banal: Sie will vor allem essen. Süßigkeiten, Kuchen, Desserts jeder Art – die treibende Kraft einer selbst ernannten Herrscherin der Unterwelt ist ihre unstillbare Gier nach Zuckerwerk, und dieses herrlich absurde Charakterdetail verleiht der Protagonistin eine sympathische, menschliche Dimension inmitten all ihrer dunklen Grandiosität.
Die Besetzung rund um Etrange ist bunt und skurril. Ihre ersten Vasallen, die Dämonen Cackie, Chuckie und Chortie, verwandeln sich nach ihrer Unterwerfung in unerwartete Gestalten: ein distinguierter blonder Butler, ein tätowierter Hüne mit Muskeln wie Felsen und ein quietschbunt gekleidetes Mädchen, das man eher in den Straßen von Akihabara verorten würde als in den Gefilden der Verdammten. Dazu gesellen sich Dienerinnen aus Etranges früherem Leben, darunter die wenig subtil benannte Köchin Sweetia, deren einzige Aufgabe es zu sein scheint, ihre Herrin mit Kuchen zu versorgen. Die Charaktere haben Charme und einige klug ausgearbeitete Momente, bleiben aber in ihrer Tiefe begrenzt. Wer emotionale Komplexität oder psychologische Vielschichtigkeit sucht, wird hier nur an der Oberfläche kratzen.
Das Gameplay unterscheidet sich radikal von allem, was Niikawa bisher entwickelt hat. Anstelle von rundenbasierten taktischen Kämpfen setzt Etrange Overlord auf schnelles, hektisches Action-Gameplay mit bis zu vier gleichzeitig steuerbaren Charakteren. Das Grundprinzip ist simpel: Angriff, Spezialangriff und ein ausgesprochen nützlicher Ausweich-Dash – mehr braucht man zunächst nicht zu wissen. Jede Spielfigur bringt einen eigenen Kampfstil mit: Etrange selbst ist ausgewogen, andere spezialisieren sich auf Fernkampf oder brutale Nahkampfattacken. Was dieses System von anderen Action-RPGs unterscheidet, ist das sogenannte Bahnen-System. Durch die Kampfarenen verlaufen kurvenreiche Linien, auf denen ständig Boni zirkulieren – Schadenserhöhungen, Lebenspunkte, Aufladungen für Spezialattacken. Wer klug sammelt und geschickt zwischen Kampf und Bahnenlauf wechselt, kann sich entscheidende Vorteile verschaffen.
In der Theorie klingt das nach einem eleganten Gleichgewicht zwischen Strategie und Aktion. In der Praxis entpuppen sich die Kämpfe allerdings häufig als reines Chaos. Man stürmt kreuz und quer durch die Arena, weicht aus, prügelt drauflos und hofft, irgendwie die richtigen Boni zu erwischen. Ein Gefühl echter Kontrolle oder taktischer Meisterschaft stellt sich selten ein – der Zufallsfaktor dominiert zu stark. Die Bosskämpfe stellen eine erfreuliche Ausnahme dar, denn sie verlangen, die jeweilige Schwachstelle des Gegners zu entdecken, oft unter cleverer Nutzung der Umgebung. Das bringt Struktur in das Durcheinander und sorgt für echte Erfolgserlebnisse. Die Standardkämpfe hingegen variieren zwar in ihren Zielvorgaben – Feinde vernichten, Objekte zur Basis bringen, Zonen halten – bieten aber selten echte strategische Herausforderungen. Manche Aufgaben, besonders jene mit Zeitdruck beim Halten von Gebieten, wirken wie eine geduldsprüfende Pflichtübung.
Zwischen den Kämpfen besteht Etrange Overlord zu einem beträchtlichen Teil aus Zwischensequenzen und Nebengeschichten. Wer exzentrisches, überdrehtes Anime-Humor liebt – mit karikaturesken Charakteren, plakativen Witzen und einem generellen Augenzwinkern gegenüber der eigenen Absurdität –, wird sich hier bestens unterhalten fühlen. Wer hingegen wenig mit diesem Stil anfangen kann, wird die ausgedehnten Dialogszenen als zähe Prüfung erleben. Die Nebengeschichten teilen sich in zwei Kategorien: Episoden aus dem Leben der Charaktere, die teils essenziell für das Verständnis der Handlung sind, und Kochgeschichten, in denen Etrange mit glühender Begeisterung die Delikatessen der Hölle verkostet. Das Letztere hat durchaus Charme, verliert aber mit der Zeit seinen Reiz, da das Format zu vorhersehbar wird: Etrange wird widerwillig mit einem neuen Gericht konfrontiert, probiert es, und bricht in ekstatische Lobeshymnen aus. Witzig beim ersten Mal, etwas ermüdend beim zehnten.
Besonders bemerkenswert ist das musikalische Element des Spiels. In Anlehnung an Niikawas frühes Werk Rhapsody: A Musical Adventure brechen Charaktere in Etrange Overlord gelegentlich in Gesang aus und kommentieren das aktuelle Geschehen wie in einem improvisierten Musical. Diese Momente sind charmant und immer wieder überraschend – wenn das Scheinwerferlicht hereinkommt und eine Figur zu singen beginnt, lässt sich ein Lächeln kaum unterdrücken. Leider bleiben diese Einlagen selten und kurz. Man hätte hier entweder den Mut haben sollen, das Spiel zu einem echten Musical zu machen oder die Gesangseinlagen vollständig zu streichen. So wirken sie wie ein schöner, aber halbherziger Gedanke.
Auf der Progressionsseite bietet Etrange Overlord ein überschaubares System: Der sogenannte Happy-Life-Level von Etrange steigt durch abgeschlossene Kämpfe und Nebengeschichten, was neue Ressourcen und Bahnverbesserungen freischaltet. Waffen lassen sich ebenfalls aufwerten. Das System ist funktional, aber nicht sonderlich motivierend. Wer sich nicht eingehend damit befasst, wird gelegentlich an härtere Kämpfe stoßen, kann das Game allerdings auch ohne intensives Grinden abschließen. Die Spielzeit dürfte bei den meisten Spielern um die 16 Stunden liegen – angemessen für ein Spiel dieser Art, das nicht durch übertriebene Länge erschöpft, sondern rechtzeitig zur Neige geht.
Technisch präsentiert sich Etrange Overlord mit einem lebhaften, bunten Kunststil, der die skurrile Welt der höllischen Abenteuer gut einfängt. Der Sound ist solide, wobei allerdings weder Musik noch Sounddesign bleibende Eindrücke hinterlassen. Die Steuerung ist direkt und reaktionsschnell, auch wenn das chaotische Kampfgeschehen gelegentlich auf Kosten des Präzisionsgefühls geht.
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Michael meint:
Was bleibt von Etrange Overlord? Ein Spiel voller Einfallsreichtum und Persönlichkeit, das den Mut aufbringt, etwas Eigenes zu wagen, anstatt das Bewährte zu wiederholen. Niikawa und sein Team haben ein Werk geschaffen, das an keiner Stelle nach industrieller Gleichförmigkeit riecht. Gleichzeitig übersteigt der Anspruch die Ausführung an zu vielen Stellen: Das Kampfsystem bleibt hinter seinem Potenzial zurück, die Geschichte kratzt nur an der Oberfläche, und einige Abschnitte zermürben die Geduld. Und doch – wer sich auf den schrägen Charme dieser rabenhaarigen Höllenfürstin einlässt, wird mehr Freude finden als Frust. Als Versprechen auf das, was Niikawa in seiner neuen Unabhängigkeit noch zu entwickeln vermag, ist Etrange Overlord ein vielversprechender, wenn auch nicht makelloser Anfang.
Was bleibt von Etrange Overlord? Ein Spiel voller Einfallsreichtum und Persönlichkeit, das den Mut aufbringt, etwas Eigenes zu wagen, anstatt das Bewährte zu wiederholen. Niikawa und sein Team haben ein Werk geschaffen, das an keiner Stelle nach industrieller Gleichförmigkeit riecht. Gleichzeitig übersteigt der Anspruch die Ausführung an zu vielen Stellen: Das Kampfsystem bleibt hinter seinem Potenzial zurück, die Geschichte kratzt nur an der Oberfläche, und einige Abschnitte zermürben die Geduld. Und doch – wer sich auf den schrägen Charme dieser rabenhaarigen Höllenfürstin einlässt, wird mehr Freude finden als Frust. Als Versprechen auf das, was Niikawa in seiner neuen Unabhängigkeit noch zu entwickeln vermag, ist Etrange Overlord ein vielversprechender, wenn auch nicht makelloser Anfang.