Shadowrun Returns im Test

PC Windows

Es gibt Software, die sich schwer eindeutig bewerten lässt. Harebrained Schemes Shadowrun Returns ist ein Paradebeispiel dafür. Als erste virtuelle Rollenspiel-Umsetzung des populären Tabletop-Vorbildes seit 1994 waren die Erwartungen groß. Doch ist das Ergebnis leider ein zweischneidiges Schwert.

shadowrun_returns_nexgam_01Mit 25 Jahren auf dem Buckel und einer faszinierenden Cyberpunk-Welt ist Shadowrun eine feste Größe in der Pen-and-Paper-RPG-Welt. Die Kreation von Jordan Weisman bedient jene Gemüter, die lieber durch dreckige Gassen einer dystopischen Zukunft schleichen, gegen Konzerne kämpfen und sich in Computer hacken, als die tolkiensche Checklist der Fantasy-Klischees nachzuspielen.

Eine Steilvorlage für Computer- und Videospiele, sollte man meinen. Und doch sucht man Versoftungen des Stoffes seit jeweils einem RPG fürs SNES und Mega Drive sowie einem japanischen Mega-CD-Titel Mitte der 90iger vergeblich. Nur ein mäßig aufgenommener Shooter-Abkömmling verärgerte 2007 die Fans. Ansonsten sind Gamer über all die Jahre von Deckern, Samurais und Schamanen nicht besucht worden.

Es brauchte eine Kickstarter Kampagne, um das Shadowrun-Universum zurück auf die Bildschirme zu bringen. Unter der Regie von Weisman persönlich, und mit Unterstützung von Entwicklern der beliebten SEGA- und Nintendo-Vorgänger, sollte das »Shadowrun Returns« betitelte Projekt eines der ersten Erfolgsbeispiele des Crowdfunding von Videospielen sein. Mit Investitionen von mehr als der vierfachen Summe des ursprünglich veranschlagten Budgets schienen die Weichen gestellt für eine würdige Rückkehr in die Schatten.

shadowrun_returns_nexgam_03Das Spiel
Nun ist Shadowrun Returns seit einiger Zeit fertig, und es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Das DRM-freie Versprechen gilt nur für Kickstarter-Unterstützer, und da zwischenzeitlich Verträge mit Publishern abgeschlossen wurden, ist auch nur ein einziger DLC für diese kostenlos. Ein Ergebnis dieser Publishing-Deals liegt mir zum Testen vor, eine Retail-Version des Games. Natürlich nur lauffähig via Steam. All das sorgte schon für einigen Unmut bei den Fans, aber realistisch betrachtet verfügt im Grunde genommen jeder PC-Spieler heutzutage über ein Steam-Konto, also ist das nicht soooo wild.

Was zählt, ist das Abtauchen ins zukünftige Seattle, die Immersion in die Welt des Cyberpunk. Oder doch nicht?

»Shadowrun Returns« kommt als Spiel eher ernüchternd daher. Alles fängt vielversprechend an, mit der Wahl aus den 5 bekannten Rassen und 6 Archetypen (sprich: Charakterklassen) der Shadowrun-Welt. Ob Mensch, Elf oder Ork, ob nahkampforientierter Straßensamurai oder zaubernder Schamane, dem Spieler steht alles offen. Fertigkeitspunkte, hier Karma genannt, dürfen frei verteilt werden. Die Einstellungsmöglichkeiten fürs Erscheinungsbild sind hingegen marginal. Überhaupt erinnern die detailarmen 3D-Charaktermodelle an seelige N64-Zeiten... nur mit etwas besseren Texturen.

shadowrun_returns_nexgam_04Macht nichts, denn ins Spiel geworfen präsentiert sich Seattle im von klassischen PC-Rollenspielern bevorzugten Look: Die Umgebung wird als nett gezeichnete 2D-Welt in isometrischer Ansicht dargestellt. Die klobigen Charaktere fallen aus der Entfernung nicht so negativ aus. Hier wird eben mehr Wert aufs Gameplay gelegt, als auf grafischen Schnickschnack!

Einige Stunden später hat sich auch diese Vorstellung zerschlagen. Shadowrun Returns stellt sich als das Grundgerüst eines Rollenspiels heraus. Harebrained Schemes schusterte eine kurze, lineare und unspektakuläre Story zusammen.

Die Anzahl der Locations ist begrenzt; Bewegungsfreiheit ist keine gegeben, man kann sich immer nur an dem Ort aufhalten, den die Handlung einem gerade vorschreibt. Und die Orte sind verwaist. Nicht mehr als eine Hand voll NPCs bevölkern jedes Areal. Ab und an kann man sich brav durch den Dialogbaum klicken und eine Nebenaufgabe erledigen. Kleine Variationen in der Lösung werden geboten, welche jedoch das große Ganze nie wirklich beeinflussen. Die Dialoge sind dabei zumindest recht gut geschrieben, aber das sollte bei der mageren Besetzung auch das Mindeste sein.

Die Kämpfe wurden fast geradewegs aus dem X-Com-Reboot von Firaxis geklaut. Wer jene spielte, wird sich gleich zuhause fühlen, nur dass es hier etwas simpler ist. Zugbasierte Bewegung, Sichtfeld, halbe und ganze Deckung hinter Objekten ... alles bekannt. Wenn man aber ein wirklich gutes Spiel kopiert, so ist das Ergebnis dann hoffentlich spaßig; und so ist es auch hier, trotz der allzu vertrauten Machart unterhalten die Gefechte.

Die Handlung ist nichts Weltbewegendes, hier werden die Schatten nicht in ihren Grundfesten erschüttert. Es ist eine kleine Geschichte in der beliebten Welt. Um Nostalgiker zu bedienen, spendierte man dem Helden des SNES-Teils, Jake Armitage, an zwei Stellen Gastauftritte. Fans des Mega-Drive-Spiels treffen nur auf einige bekannte Hehler.

shadowrun_returns_nexgam_02Unterschiedliche Erwartungen
Nach ungefähr 10 Stunden ist dann auch schon das Ende erreicht. Und der Eindruck festigt sich, dass das nicht sein kann, wofür der Entwickler 1,8 Millionen Dollar ausgegeben hat. In der Tat beschleicht einen das Gefühl, dass die Kampagne im Grunde nur eine Demo ist. Eine kleine Vorstellung jener Möglichkeiten, die der beigelegte Editor bietet. Ein paar Beispielscripts, um Hobbyspielleiter anzuregen, was alles machbar ist ... und was diese Fans hoffentlich voll ausnutzen.

An diesem Punkt kommen wir zu den unterschiedlichen Erwartungen. Harebrained Schemes Ziel war es, wie bereits bei der Crowdfunding Aktion angedeutet, das Gefühl von Pen & Paper und Tabletop zu transportieren. Die Spieler eigene Abenteuer erleben zu lassen. Der Fokus lag darauf, den Fans einen mächtigen Editor in die Hand zu legen, um eigene Abenteuer erstellen zu können. Und in der Tat profitierten ja in der Vergangenheit bereits viele PC-Spiele von Moddern.

Aber die Anzahl solcher kreativen Köpfe ist dennoch seit jeher im Vergleich zu denen, die einfach Spiele konsumieren gering gewesen. Hier liegt das Mißverständnis von Shadowrun Returns. Dem Entwickler war scheinbar nicht klar, dass ein Editor für den Großteil Zocker nur Nebensache ist. Und den Menschen, die ihr Geld in ein neues Shadowrun investierten, war nicht bewusst, wie sehr der Fokus eben auf User-created Content liegen würde.

Das Ergebnis ist ein Produkt, das nicht das bietet, worauf die meisten Gamer gehofft hatten. Shadowrun Returns ist ein Langzeitprojekt, das sowohl auf (zusätzlich zu kaufende) kommerzielle Erweiterungen als auch auf von Hobby-Entwicklern bereitgestellte kostenlose Stories baut. Wer das Spiel mit der Erwartung kauft, ein tolles RPG in den Schatten zu erwerben wird zu diesem Zeitpunkt bitter enttäuscht werden. Da ist man mit den Klassikern der 90er besser bedient als mit Vanilla-Shadowrun Returns.




Daniel meint:

Daniel

Shadowrun Returns zu bewerten ist schwer. Die Möglichkeiten mögen unendlich sein, und das Projekt könnte Hobby-Schattenläufern nach langer Durststrecke auf Jahre hinaus großartige Abenteuer ermöglichen. Die Zeit wird zeigen, ob es so kommt. Aber hier muss ich ein Spiel bewerten; der Editor wird auf der Hülle der Retail-Fassung nicht  einmal erwähnt. Verkauft wird hier effektiv die Kampagne »Der Totmannschalter«. Und die stellt sich als eher rudimentäre Demo der Engine dar. Nicht völlig unspaßig, allerdings sehr limitiert, klein und unoriginell. Dieses Spielerlebnis kann ich nur harten Fans des Franchises empfehlen. Andere sollten auf Kollektionen mit mehr, und hoffentlich besseren Geschichten warten.

Positiv

  • Klassische RPG-Kost
  • Shadowrun-Atmosphäre

Negativ

  • Sehr kurze Spielzeit
  • Lineares Gameplay
  • Veraltete Technik
Userwertung
7.0 4 Stimmen
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Forum
  • von Sly Boots:

    _2xs schrieb: Ich verstehe den Hinweis auf die Geisterkäfer nicht, daß gehört doch zu Shadowrun dazu. Ich verweise auf den Roman, der den gleichen Namen hat, wie mein Nick ;-). Oder meinst Du die Umsetzung in dem Returns Plot? Ich...

  • von _2xs:

    Ich hab mir zwar nach und nach alle Spiele im Sale bei GoG gekauft, aber leider noch keins durchgespielt. Am weitesten habe ich Returns gespielt, aber leider ging mir das savegame verloren und danach hatte ich keine Lust mehr neu zu starten. Ich verstehe den Hinweis auf die Geisterkäfer nicht,...

  • von Sly Boots:

    Harebrained Schemes Shadowrun-Spiele sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich eine Serie mit der Zeit immer weiter verbessern kann. Returns/Dead Man Switch war noch ziemlich durchschnittlich mit seiner kurzen Spieldauer, doofen Story (Geisterkäfer-Invasion, selten so einen Stuss erlebt) und dem...

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