Hell is Us im Test

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Hell is Us von Rogue Factor ist ein Spiel, das sich dem gängigen Design moderner Action-Adventures bewusst entgegenstellt. In einer Zeit, in der Questmarker, Minimap-Icons und Tutorial-Pop-ups zur Selbstverständlichkeit geworden sind, wagt dieser Titel den radikalen Schritt zurück zu einer Art der Spielführung, die auf Entdeckung, Beobachtung und dem eigenen Orientierungssinn basiert. Das Ergebnis ist eine faszinierende, wenn auch nicht immer vollkommen gelungene Erfahrung, die vor allem jene Spieler ansprechen dürfte, die bereit sind, sich auf ein langsameres, nachdenklicheres Tempo einzulassen.

Hell-is-Us-06Die Geschichte versetzt uns in ein fiktives Land, das von einem erbarmungslosen Bürgerkrieg zerrissen wird. Wir schlüpfen in die Rolle von Rémi, einem jungen Mann, der in seine vom Krieg gezeichnete Heimat zurückkehrt, um die Wahrheit über seine Vergangenheit und seine mysteriöse Verbindung zu den sogenannten „Calamities" aufzudecken – übernatürlichen Kreaturen, die aus dem Nichts erscheinen und ebenso plötzlich wieder verschwinden. Diese Wesen, halb organisch, halb maschinell anmutend, sind das Herzstück der düsteren Atmosphäre des Spiels. Sie wirken fremd und bedrohlich, ihre Ursprünge bleiben lange im Verborgenen, und genau diese Ambiguität trägt erheblich zur beklemmenden Stimmung bei.

Visuell präsentiert sich Hell is Us mit einem unverwechselbaren Stil, der irgendwo zwischen realistischer Darstellung und stilisierter Kunstrichtung liegt. Die Landschaften sind von verlassenen Dörfern, zerstörten Infrastrukturen und einer melancholischen Schönheit geprägt, die an die Ästhetik osteuropäischer Krisengebiete erinnert. Nebelschwaden ziehen über verfallene Felder, während in der Ferne das dumpfe Grollen von Artilleriefeuer zu hören ist. Die Entwickler haben es geschafft, eine Welt zu erschaffen, die sich trotz ihrer Trostlosigkeit organisch und glaubwürdig anfühlt. Jede Ruine erzählt ihre eigene stille Geschichte, jeder verlassene Checkpoint zeugt von der Brutalität des Konflikts.

Hell-is-Us-01Das vielleicht mutigste Designelement ist das nahezu vollständige Fehlen von UI-Elementen und Wegweisern. Es gibt keine Questmarker, die einem den Weg zum nächsten Ziel zeigen, keine leuchtenden Objekte, die darauf hinweisen, dass hier etwas Wichtiges zu finden ist. Stattdessen muss man auf Dialoghinweise, die Umgebung selbst und gelegentliche visuelle Anhaltspunkte achten. Ein NPC könnte beispielsweise erwähnen, dass etwas „nördlich der alten Mühle“ zu finden sei, und es liegt dann an einem selbst, diese zu lokalisieren und die Himmelsrichtung zu bestimmen. Diese Herangehensweise ist unglaublich erfrischend und erinnert an klassische Adventures, in denen Spieler noch selbst denken und die Spielwelt tatsächlich erkunden mussten. Gleichzeitig kann sie auch frustrierend sein, besonders wenn die Hinweise vage oder die Umgebung zu weitläufig ist. Es gibt Momente, in denen man sich heillos verloren fühlt, und nicht jeder wird diese Art der Herausforderung schätzen.

Das Kampfsystem ist bewusst schlicht gehalten, aber durchaus effektiv. Mit Schwert, Speer und später auch anderen Waffen ausgerüstet, konfrontiert man die verschiedenen Calamities in Kämpfen, die Präzision und Timing verlangen. Die Gegner sind unterschiedlich in ihren Angriffsmustern, und während die Mechaniken nie die Komplexität eines Dark Souls erreichen, bieten sie doch genügend Tiefe, um nicht monoton zu werden. Ausweichen, Blocken und der richtige Einsatz von Spezialangriffen sind der Schlüssel zum Erfolg. Besonders gelungen ist die Entscheidung, dass besiegte Calamities nicht einfach verschwinden, sondern ihre metallischen Überreste zurücklassen, die zur Verbesserung der eigenen Ausrüstung dienen. Dies schafft eine befriedigende Fortschrittsschleife, ohne dass das Spiel mit zu vielen Systemen überladen wird.

Hell-is-Us-08Narrativ bewegt sich Hell is Us auf philosophischem Terrain, das Fragen nach Identität, Erinnerung und der Natur von Konflikten aufwirft. Die Geschichte wird größtenteils durch Umgebungs-Storytelling und sparsam eingesetzte Dialoge erzählt. Rémi selbst bleibt eine eher rätselhafte Figur, was teilweise gewollt ist, aber auch dazu führen kann, dass man sich emotional weniger mit ihm verbunden fühlt. Die Begegnungen mit anderen Überlebenden – Soldaten, Zivilisten, Deserteuren – sind oft kurz, allerdings ebenso eindrücklich und vermitteln ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Zerrissenheit, das in Kriegsszenarien herrscht. Die Verbindung zwischen dem persönlichen Drama Rémis und dem größeren Kontext des Konflikts wird nach und nach deutlicher, auch wenn die Erzählung manchmal etwas zu kryptisch für ihr eigenes Wohl wird.

Technisch läuft das Spiel weitgehend stabil, auch wenn gelegentliche Framerate-Einbrüche in besonders dicht gestalteten Bereichen auftreten können. Die Soundgestaltung verdient besondere Erwähnung: Das Spiel nutzt Stille meisterhaft als Stilmittel, unterbrochen von den unheimlichen Geräuschen der Calamities, dem Wind in verlassenen Gebäuden oder dem fernen Echo von Kampfhandlungen. Der Soundtrack ist minimalistisch, fügt sich aber perfekt in die düstere Atmosphäre ein und verstärkt die Isolation und Melancholie der Spielwelt. Der verzerrte Chorgesang wirkt oft geisterhaft und unterstreicht die verstörende Atmosphäre der schaurigen Verließe.

Hell-is-Us-12Ein Kritikpunkt, der nicht unerwähnt bleiben sollte, ist die Länge und Struktur des Spiels. Mit etwa zehn bis fünfzehn Stunden Spielzeit für einen Durchgang ist Hell is Us kein besonders umfangreiches Erlebnis, und die mittleren Abschnitte können sich strecken, vor allem wenn man längere Zeit auf der Suche nach dem nächsten Ziel umherirrt. Die Entscheidung, auf Questmarker zu verzichten, ist mutig, hätte aber vielleicht durch bessere visuelle Leitsysteme oder präzisere Hinweise ergänzt werden können, um die Balance zwischen Herausforderung und Frustration besser zu halten. Wenn man möchte, kann man auch die Gegnervariation noch anführen, denn im Grunde trefft ihr nur auf drei, vier verschiedene Gegnertypen, die nur anhand der Elemente variieren.

 

Michael meint:

Michael

Dennoch ist Hell is Us ein Spiel, das Respekt verdient für das, was es zu erreichen versucht. Es ist ein bewusst gegen den Strom schwimmendes Werk, das Spielern mehr Eigenverantwortung und Aufmerksamkeit abverlangt, als sie es gewohnt sein mögen. Für jene, die bereit sind, sich darauf einzulassen, bietet es eine dichte, atmosphärische Erfahrung voller düsterer Poesie und subtiler Erzählkunst. Es ist kein Spiel für jeden, aber für die richtige Zielgruppe kann es zu einem unvergesslichen Erlebnis werden, das noch lange nachhallt.

Positiv

  • Mutiges UI-Design ohne Questmarker
  • Beeindruckende Atmosphäre und Weltgestaltung
  • Gelungene Balance zwischen Kampf und Erkundung

Negativ

  • Frustrationspotenzial durch vage Wegführung
  • übersichtliche Spielzeit (kann in etwa 10 Stunden beendet werden)
  • Emotional distanzierte Hauptfigur
Userwertung
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Forum
  • von redge:

    Ich interessiere mich für das Spiel. Es hört sich nach Etwas an, was meinem Geschmack entsprechen könnte. Die kommenden Monate sind aber dermaßen vollgepackt, ich wüsste nicht, in welchem Zeitraum ich mich dem Spiel widmen könnte. Daher werde ich auf einen Sale warten.

  • von Phill XVII:

    Ah ok das ist gar kein typisches Soulslike sondern ein schnelleres Action RPG. Ersteindruck gefällt mir auch. Ich liebe diese Pip Boy artige Inventar. Stören tut mich ein bisschen diese permanenten Weisen Ringe beim Kämpfen. Hätte man ruhig etwas dezenter gestalten können damit es nicht so...

  • von Shinobi MG:

    Habe es gestern bekommen. Bisher find ich es sehr gut, tolle Atmophäre und das entdecken macht Spass. Die Kämpfe auf dem mittleren Schwierigkeitsgrad bereiten bisher noch keine Probleme. Habe es aber auch erst 2 Std gespielt und sozusagen den Prologe beendet. Freue mich aber schon auf`s...

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Hell is Us Daten
Genre Actionadventure
Spieleranzahl 1
Regionalcode Regionfree
Auflösung / Hertz 4K
Onlinefunktion -
Verfügbarkeit -
Vermarkter -
Wertung 8.4
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