Archetype Arcadia im Test

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Archetype Arcadia ist eine düstere Science-Fiction-Visual-Novel von Water Phoenix, veröffentlicht in Zusammenarbeit mit Kemco und PQube. Im Gegensatz zu anderen Vertretern des Genres, die meist eher eine romantisch geprägten Grundstimmung haben, vertritt das Spiel eher die Gegenseite und schafft eine bedrückende, postapokalyptische Atmosphäre. Im Zentrum steht eine mysteriöse Seuche namens Peccatomania beziehungsweise Original Sin, die einen Großteil der Menschheit dahingerafft hat und die Überlebenden in wahnhafte, selbstzerstörerische Zustände treibt.

Archetype-Arcadia-03Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Rust, der gemeinsam mit seiner jüngeren Schwester Kristen durch die Trümmer der Zivilisation zieht. Sie sind auf der Suche nach weiteren Überlebenden und vor allem nach einem Weg, seine erkrankte Schwester zu retten. Diese Prämisse ist zweifellos eine der großen Stärken des Spiels: Sie ist unmittelbar packend, vermittelt von der ersten Minute an eine bleierne, hoffnungslose Stimmung und wirft von Beginn an Fragen auf, die den Spieler bei der Stange halten. Ein zentrales erzählerisches Element ist das titelgebende virtuelle Spiel Archetype Arcadia selbst, eine Art digitale Parallelwelt, die den Infizierten als Zufluchtsort dient und die Auswirkungen der Krankheit zumindest zeitweise abmildert. Innerhalb dieser virtuellen Realität erhalten die Figuren Zugriff auf besondere Fähigkeiten sowie kampfstarke Avatare, mit deren Hilfe Konflikte gegen andere Nutzer und gegen die Monster dieser Welt ausgetragen werden. Der Kontrast zwischen der trostlosen, von der Seuche gezeichneten Realität und der schillernden, aber ebenso gefährlichen virtuellen Welt gehört zu den interessantesten konzeptionellen Ideen des Spiels, um Spannung und thematische Tiefe zu erzeugen.

Optisch gehört Archetype Arcadia zweifellos zu den ambitionierteren Vertretern des Genres. Die Entwickler haben sich sichtlich bemüht, dem Wort „visuell“ in Visual Novel gerecht zu werden. Anstelle der genretypischen Abfolge aus statischen Standbildern und gelegentlichen computergenerierten Zwischensequenzen bietet das Spiel zahlreiche dynamische Kampfszenen, die für deutlich mehr optische Abwechslung sorgen, als man es aus vergleichbaren Titeln gewohnt ist. Die Charakterdesigns wissen dabei besonders zu gefallen, während die Gestaltung der Monster und Gegner qualitativ und stilistisch stärker schwankt. Teils cartoonhaft-verniedlicht, teils beinahe fotorealistisch, was von der Optik insgesamt nicht immer zusammenpasst. Die japanische Sprachausgabe ist durchgehend vorhanden und verleiht den emotionalen Momenten zusätzliches Gewicht, wirkt sich allerdings auch auf das individuelle Lesetempo aus, da man sich zwangsläufig an der Sprechgeschwindigkeit orientiert. Die musikalische Untermalung wiederum trifft nicht immer den passenden Ton und kann die Atmosphäre einzelner Szenen mitunter leider eher stören als unterstützen.

Archetype-Arcadia-04Spielerisch hebt sich Archetype Arcadia insofern von vielen anderen Visual Novels ab, dass die getroffenen Entscheidungen tatsächlich spürbare, teils erst viel später eintretende Konsequenzen nach sich ziehen. Eine unbedacht getroffene Wahl kann sich erst Stunden später gegen den Spieler wenden und zu einem unausweichlichen schlechten Ende führen. Oftmals ist es nicht zuvor ersichtlich, dass diese Entscheidung überhaupt derart weitreichende Folgen haben würde. Das sorgt einerseits für eine gewisse Spannung und Vorsicht beim Spielen, andererseits kann es auch frustrierend wirken, wenn man erst im Nachhinein erfährt, welche beiläufige Aussage einen in eine Sackgasse geführt hat. Glücklicherweise bietet das Spiel großzügige Speichermöglichkeiten sowie die üblichen Komfortfunktionen wie Text überspringen und Zurückspringen, sodass sich verpasste Abzweigungen ohne allzu großen Aufwand nachträglich erkunden lassen. Wer sich auf die zahlreichen schlechten Enden einlässt, wird zudem feststellen, dass moralische Fragestellungen häufig recht offensichtlich als klare Entscheidungssituationen dargestellt werden, bei denen die „richtige“ Wahl selten wirklich fraglich ist, was den philosophischen Anspruch des Spiels an manchen Stellen etwas untergräbt.

Die Figuren selbst, allen voran Rust, gehören zu den differenzierteren Aspekten der Geschichte. Rust ist keine charakterlose Hülle, mit der man sich selbst identifiziert, sondern ein eigenständiger, durch traumatische Erfahrungen abgestumpfter Charakter, dessen langsame Rückkehr zu echter Empathie und emotionaler Offenheit einen der berührendsten roten Fäden der Handlung darstellt. Seine komplizierte, aber glaubwürdige Beziehung zu seiner Schwester bildet dabei den emotionalen Anker der gesamten Geschichte. Das Kollektiv an Verbündeten und Rivalen innerhalb der virtuellen Welt ist grundsätzlich vielschichtig angelegt, wirkt in seiner Motivation jedoch nicht immer restlos überzeugend. Und manche Nebenfiguren scheinen eher aus erzählerischer Notwendigkeit in die Handlung eingebaut worden zu sein, ohne sich organisch in die Geschichte einzufügen.

Archetype-Arcadia-08Der wohl größte Kritikpunkt betrifft die schiere Länge und das ungleichmäßige Erzähltempo. Mit einem Textumfang, der weit über eine Million Wörter hinausgeht, gehört Archetype Arcadia zu den umfangreichsten Vertretern des Genres überhaupt. Da können selbst manche Romane in Buchform kaum mithalten. Diese enorme Länge rechtfertigt sich nicht durchgehend inhaltlich: Bestimmte Passagen ziehen sich unnötig in die Länge, wiederholen bereits bekannte Handlungspunkte in überlang erklärenden Dialogen, während andere Abschnitte im Vergleich dazu regelrecht überstürzt wirken. Es entsteht mitunter der Eindruck, als hätten die Entwickler selbst damit gerechnet, dass ein erheblicher Teil der Spielerschaft große Textmengen überspringen würde, was einer sorgfältig komponierten Erzählstruktur natürlich nicht zuträglich ist. Wer sich allerdings die Geduld bewahrt und bis zum Ende durchhält, wird mit einem befriedigend zusammengeführten, in seiner Wucht durchaus epischen Abschluss belohnt, der viele der zuvor gesponnenen Handlungsfäden sinnvoll verknüpft.

 

Michael meint:

Michael

Insgesamt bleibt Archetype Arcadia ein ambitioniertes, streckenweise faszinierendes, aber eben auch deutlich überfrachtetes Werk. Die Weltgestaltung rund um die Seuche und die virtuelle Fluchtwelt gehört zweifellos zu den größten Stärken des Spiels und sorgt für ein durchgehendes Gefühl von Bedrohung und Verfall, das nur wenige andere Visual Novels in dieser Konsequenz erreichen. Die visuelle Präsentation mit ihren dynamischen Kampfsequenzen hebt sich wohltuend vom Einheitsbrei vieler Genrevertreter ab, auch wenn die Konsistenz der Gestaltung nicht durchgehend überzeugt. Auf der anderen Seite stehen ein aufgeblähter Umfang, ungleichmäßiges Erzähltempo, mitunter plakativ inszenierte moralische Entscheidungen sowie einige nicht ganz überzeugend motivierte Nebenfiguren. Für Fans dunkler, philosophisch angehauchter Science-Fiction-Geschichten mit klaren Bezügen zu Werken wie Sword Art Online bietet das Spiel dennoch eine lohnenswerte, wenn auch zeitintensive Erfahrung. Wer hingegen zügigere, straffer erzählte Geschichten bevorzugt, dürfte an der schieren Textmenge und den gelegentlichen Längen scheitern. Am Ende steht ein Spiel, das mit mehr erzählerischer Disziplin und etwas weniger Textballast durchaus zu einem echten Highlight des Genres hätte werden können, so aber ein interessantes, streckenweise beeindruckendes, insgesamt jedoch nicht ganz ausgereiftes Erlebnis bleibt.

Positiv

  • Packende, düstere Weltgestaltung
  • Dynamische, optisch abwechslungsreiche Kampfszenen statt reiner Standbilder
  • Entscheidungen mit spürbaren, teils langfristigen Konsequenzen für die Handlung

Negativ

  • Enormer, oft aufgeblähter Textumfang mit ungleichmäßigem Erzähltempo
  • Moralische Entscheidungssituationen wirken häufig zu plakativ und wenig subtil
  • Wechselhafte Qualität bei Monster-/Gegnerdesigns und teils forciert wirkende Nebenfiguren
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Archetype Arcadia Daten
Genre Adventure
Spieleranzahl 1
Regionalcode Regionfree
Auflösung / Hertz 1080p
Onlinefunktion -
Verfügbarkeit 2023-10-24 00:01:20
Vermarkter -
Wertung 7.4
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neXGam YouTube Channel
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