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Super Meat Boy im Test

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Ein quadratförmiges Stück Fleisch das seine Freundin retten will? Ein Fötus in einem Glas der niedliche Waldbewohner niedermetzelt? So etwas gibt es wohl nur im Drogenrausch zu sehen, oder? Falsch! Super Meat Boy, das aktuelle XBLA-Game bietet genau diese skurrilen Szenen und das ist erst der Anfang! Das extrem originelle Jump ´n Run ist nicht nur herrlich verstörend sondern kann darüber hinaus auch in Sachen Gameplay punkten. Wer erfahren will, warum Super Meat Boy zu den besten Download-Spielen aller Zeiten gehört, sollte sich unseren Testbericht nicht entgehen lassen.

"Das ist Meat Boy.

Das ist Bandage Girl (Sie ist verliebt in Meat Boy).

Und Meat Boy liebt sie.

Das ist Dr. Fetus.

Niemand liebt ihn.

Deshalb hasst Dr. Fetus dich!

Aber noch viel wichtiger…

Dr. Fetus hasst Meat Boy!

Deshalb verdrosch er ihn und entführte Bandage Girl!

Worauf wartest du also?

Rette sie endlich, Held!“

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Bei dieser epischen Erzählung handelt es sich um die Untertitel der Intro-Sequenz. Obwohl der Titel eine Fortsetzung beziehungsweise die aufgepeppte Fassung eines Internet-Flash-Games ist, wird kein Vorwissen gefordert, um das Geschehen auf dem Bildschirm nachvollziehen zu können. Warum der Namensgeber des Spiels ein Pfund ungebratenes Hackfleisch ist oder warum sein Widersacher ein unfertiges Baby mit einem Doktortitel in einem Glas das wiederum in einem Anzug steckt ist, wird nicht erklärt. Die Story ist äußerst witzig aber dennoch eher nebensächlich, denn im Vordergrund steht eindeutig schnelle Lauf- und Hüpf-Action.

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Wenn lediglich das Gameplay und die Steuerung betrachtet werden, ist Super Meat Boy sehr nah mit dem relativ unbekannten aber dennoch genialen Independent-Game N+ verwandt. Genau wie der Ninja im Geheimtipp kann unser kleiner roter Held ebenfalls rennen, springen, durch seine gottgegebene Klebrigkeit an Wänden hinunter gleiten und sich im richtigen Moment in verschiedene Richtungen abstoßen. Außer in den Boss-Levels geht es immer darum, die eigenen Fähigkeiten geschickt einzusetzen, um Bandage Girl so schnell wie möglich zu erreichen. Natürlich wird das Objekt der Begierde innerhalb einer Sekunde nach der Befreiung wieder von Dr. Fetus geschnappt und in den nächsten Level verschleppt.

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Der Protagonist reagiert perfekt auf jeden Knopfdruck und jede noch so kleine Bewegung des Analogsticks. Obwohl es so klingen mag, als ob die viereckige Frikadelle nicht viele Tricks beherrscht, täuscht dieser Eindruck. Vor mittlerweile 25 Jahren hatte jemand die großartige Idee, einen dicken Klempner namens Mario durch das Halten eines Knopfes schneller laufen und weiter springen zu lassen. Auch Meat Boy kann dank dieser Maßnahme einen vorsichtigen Hopser machen oder einen beeindruckenden Riesensatz hinlegen, wodurch das grundsätzlich simple Gameplay durchaus abwechslungsreich und anspruchsvoll wird. Das Abstoßen von Wänden mit unterschiedlicher Stärke sorgt ebenfalls für Stimmung.
 

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Die volle Kontrolle über jede Bewegung zu haben ist überlebenswichtig, denn in der bunten 2D-Welt lauern jede Menge Gefahren, die sich nur mit viel Geschicklichkeit überwinden lassen. Feuer, Laserstrahlen, riesige Sägen und viele weitere böse Fallen warten nur darauf, den heldenhaften Meat Boy in seine Bestandteile zu zerlegen. Die Masse von todbringenden Objekten ist wirklich erstaunlich und sorgt dafür, dass die späteren Levels zu den größten Herausforderungen der jüngeren Videospielgeschichte gehören. Ältere Zocker, die in der 8-Bit-Ära aufgewachsen sind und nach ein paar Stunden Ghosts ´n Goblins oder Battletoads schon oft fluchend den NES-Controller auf den Boden geworfen haben, werden sich schnell heimisch fühlen. Die Spätgeborenen hingegen sollten sich den Kauf gut überlegen, da die meisten von ihnen niemals die Abwehrkräfte entwickelt haben, die gebraucht werden, um Super Meat Boy psychisch unbeschadet zu überstehen. Das Game wird im späteren Verlauf tatsächlich mehr als schwer; es wird gemein! Das bedeutet aber keinesfalls, dass es unfair zugeht. Die Mischung aus perfekter Steuerung und extremem Leveldesign macht sogar den ganz besonderen Reiz des Spiels aus.

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Der Umfang des neuen XBLA-Krachers ist gigantisch. Über 300 Levels stehen bereit, um überwunden zu werden. Obwohl es sich dabei meistens um recht kurze Herausforderungen handelt, die sich nahezu immer unter einer Minute bezwingen lassen, können einzelne Abschnitte durchaus eine halbe Stunde und mehr verschlingen. Oft sind Dutzende Versuche nötig, bevor sich der Standort jeder Falle ins Gedächtnis eingebrannt hat und ein sicherer Weg durch gefunden wird. Doch das Retten der Herzensdame ist noch lange nicht das Ende der Reise. Durch das Unterbieten einer vorgegebenen Bestzeit wird eine düstere und deutlich kniffligere Version eines Levels frei geschaltet. Erst wenn auch diese Bonus-Missionen in rasanter Geschwindigkeit beendet wurden, darf man sich Champion nennen. Außerdem können in unregelmäßigen Abständen Pflaster gesammelt werden, die immer an schwer zu erreichenden Stellen versteckt sind und später genutzt werden können, um neue Charaktere zu kaufen. Eine besondere Erwähnung verdienen die Bosskämpfe, bei denen es sich eigentlich um Bossfluchten handelt. Mit der Gefahr im Nacken müssen hier lange Hindernisparcours überwinden werden und genau wie in den regulären Levels bedeutet jeder kleinste Fehler das sofortige virtuelle Ableben. Auch die Warp-Zonen wurden interessant in Szene gesetzt. Im Gegensatz zur Genreverwandtschaft überspringt die Spielfigur nämlich bei Berührung eines entsprechenden Symbols nicht einfach ein paar Levels, sondern wird direkt in ein anderes Universum mit einer Reihe neuer Herausforderungen versetzt. Oft orientieren sich diese versteckten Bereiche optisch an klassischen Games. 8-Bit-Grafik oder die noch simpleren Präsentationsmethoden aus der Atari-Steinzeit bestimmen das Bild. Obwohl sich am Gameplay eigentlich nichts ändert, motiviert das Entdecken dieser Bonus-Missionen zum Weiterspielen.
 

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Eine Reihe weiterer innovativer Ideen und Spielereien heben die Stimmung. Wie bereits berichtet, ist der virtuelle Tod ein ständiger Begleiter. Und das Ableben wird ordentlich zelebriert und statistisch erfasst. Wurde eine Herausforderung endlich beendet, startet ein Replay, in dem alle Versuche zeitgleich zu sehen sind. Es ist ein beeindruckendes Schauspiel, mehrere Dutzend Meat Boys losrennen zu sehen, von denen letztendlich nur ein einziger strahlender Held übrig bleibt. Diese Sequenzen dürfen übrigens gespeichert werden, um ungläubigen Besuchern später die eigene Verbissenheit zu präsentieren.

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Edmund McMillen und Tommy Refenes, die Macher von Super Meat Boy, müssen nette Menschen sein. Anders ist ihre Beliebtheit in der Independent-Szene jedenfalls kaum zu erklären. Knapp ein Dutzend Charaktere aus den Games anderer kleiner Entwicklerteams kann freigespielt werden, um unseren heldenhaften Fleischklops tatkräftig zu unterstützen. Vom Alien Hominid über einen pinkfarbenen Castle Crasher bis hin zu Captain Video aus Bit. Trip gibt es hier sehr viel zu entdecken. Auch der Protagonist aus dem preisgekrönten Braid, McMillens letztem Jump´N´Run ist mit an Bord. Die Figuren unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern auch in wichtigen Bereichen wie Geschwindigkeit und Sprungweite. Der ein oder andere freundliche Helfer verfügt sogar über besondere Fähigkeiten, die dabei helfen können, kostbare Sekunden zu sparen. Das kann für Highscorejäger durchaus interessant sein. Seltsamerweise ist keine weltweite Rangliste verfügbar. Über Xbox Live lassen sich lediglich die Ergebnisse von Freunden einsehen.

Bei Super Meat Boy müssen selbst besonders kritische Menschen lange nach Gründen für Beschwerden suchen. Nun gut, es gibt keinen Multiplayer-Modus, aber ehrlich gesagt handelt es sich um die Sorte Spiel, bei der selbst das Zuschauen unterhaltsam ist. Es spricht auch nichts dagegen, ein halbes Dutzend Freunde um sich zu versammeln und anschließend den Controller weiterzureichen, bis jemand ein Level erfolgreich abschließt und sich als Held feiern lassen kann. Ein geplanter Level-Editor ist in letzter Minute gestrichen worden, was aber weniger am Entwicklerteam als an irgendwelchen doofen neuen Regeln für Konsolen-Download-Games liegt. Doch selbst hier schaffen die beiden Macher Abhilfe. Wer brav zockt, kann einen neuen Bereich freischalten, den McMillen und Refenes in regelmäßigen Abständen mit neuen Gratis-Levels bestücken werden. Und sein wir mal ehrlich. Kaum jemand auf diesem Planeten hätte bessere und fiesere Herausforderungen bauen können, als das Team Meat (die nennen sich wirklich so).

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Technisch brillante Spielereien, die das Letzte aus der Hardware kitzeln, sind von einem Spiel dieser Art nicht zu erwarten. Super Meat Boy ist ein sehr sauber programmierter 2D-Titel mit butterweichem Scrolling, niedlichen kleinen Sprites und herrlich simplen Animationen. Eigentlich sieht es aus wie ein NES-Titel auf Steroiden. Schneller, bunter und mit mehr Action pro Quadratzentimeter. Die Bosse gehören eindeutig zu den grafischen Highlights und einige von ihnen haben gigantische Ausmaße. Die Zwischensequenzen sind qualitativ auf dem Niveau der typischen Internet-Flashgames, können aber immer durch ihren genialen Humor begeistern.

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Der Soundtrack ist problemlos dazu in der Lage, ältere Zocker in eine nostalgische Stimmung zu versetzen. Die vielen Stücke klingen so, als kämen sie direkt aus den Soundchips der 8- und 16-Bit-Konsolenära. Nicht selten bleiben die Melodien auch Stunden nach der letzten Runde im Ohr. Das Hit-Potential ist offensichtlich bekannt, denn demnächst werden einige der Songs als Rock Band Downloads zur Verfügung stehen.

Tim meint:

Tim

Es ist leicht Download-Games zu hassen. Sie sind der pure Horror für Sammler, die sich Spiele gern ins Regal stellen und es mögen in Anleitungen zu blättern. Außerdem geben sie der Industrie die volle Preiskontrolle und schaden sowohl dem regulären Einzelhandel als auch dem Gebrauchtmarkt. Aber Offenbahrungen wie Super Meat Boy lassen diese ganzen negativen Gefühle zeitweise vergessen. Das eigenwillige Jump ´n Run hätte wohl niemals die vielen Hürden überwinden können, die zwischen der Konzeption und dem Händlerregal stehen. Ohne Download-Services wie XBLA hätten wir also auf einen wahren virtuellen Leckerbissen verzichten müssen. Super Meat Boy ist der Beweis dafür, dass es auch im Jahr 2010 noch möglich ist, mit einem Mini-Team und einer guten Idee ein geniales Spiel unters Volk zu bringen. Beste Musik, originellster Oberbösewicht, beste Steuerung, höchster Schwierigkeitsgrad sind nur einige der Kategorien, in denen sich diese Independent-Perle ernsthafte Hoffnung auf die Auszeichnung “Spiel des Jahres“ machen darf. Besonders 2D-Fans können auch das nächste Jahrzehnt dank solcher Meilensteine in aller Ruhe auf sich zukommen lassen. Das Genre lebt!

Positiv

  • Perfekte Steuerung
  • Gigantischer Umfang mit vielen Extras
  • Top-Soundtrack

Negativ

  • Kein Multiplayer
  • Kein Level-Editor
  • Zu schwer für Einsteiger
Userwertung
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