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Castlevania - Harmony of Despair im Test

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Die Castlevania-Serie hat ein echtes Luxus-Problem. Sie war einfach schon in ihren frühen Tagen nahezu perfekt. Darum waren Fans fast immer maßlos enttäuscht, wenn Konami in den letzten 25 Jahren versuchte, die Reihe durch innovative Ideen wieder zeitgemäß zu machen. Besonders die Reinkarnationen des Klassikers auf dem Nintendo 64 und der PS2, die statt Sprites plötzlich mit neumodischer Polygongrafik daherkamen, mussten viel Prügel einstecken. Das Desinteresse der Fangemeinde an neumodischem Schnickschnack dürfte dafür verantwortlich sein, dass es seit einer kleinen Ewigkeit keine spannenden Castlevania-Experimente mehr gegeben hat. Die Vampirsaga machte es sich vor allem auf den beiden marktbeherrschenden Handhelds bequem, wo 2D-Helden noch gern gesehen sind und sich nicht beschimpfen lassen müssen, nur weil sie in ihrer eigenen ruhmreichen Geschichte gefangen sind. Stationäre Systeme wurden in den letzten Jahren eher mit Neuauflagen von alten Episoden der Serie bedacht. Harmony of Despair, das neue Download-Game für die Xbox 360, will die etwas angestaubten Blutsaugerjäger durch originelle Multiplayer-Modi nun auch auf dem großen Bildschirm wieder salonfähig machen.

 

Im Gegensatz zu dem vor einigen Jahren ebenfalls über XBLA veröffentlichten Symphony of the Night handelt es sich bei Harmony of Despair nicht um ein Remake. Ein völlig neues Game ist es aber auch nicht. Viele der Schauplätze, Waffen und Gegner werden Besitzern der diversen Castlevania-DS-Module sehr vertraut vorkommen. Im Grunde wurden für das Download-Abenteuer lediglich altbekannte Handheld-Levels genommen, ein wenig durchgemischt, an der einen oder anderen Stelle überarbeitet und anschließend wieder zu neuen Herausforderungen kombiniert. Das Ergebnis sind sechs Festungen, die jeweils aus mehreren Dutzend Räumen bestehen und in denen es vor Vampiren, Zombies, Skeletten und anderen Monstern nur so wimmelt.

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Die Grafik ist auf dem gleichen Niveau wie in den letzten Handheld-Games der Castlevania-Reihe. Es gibt also schnörkellose 2D-Sprites ohne viele Details vor netten Retro-Kulissen zu sehen. Wer sich ganz nah vor den Fernseher traut, wird feststellen, dass die Gesichter der Figuren tatsächlich nur aus wenigen unterschiedlich gefärbten Pixeln bestehen. Warum wird Harmony of Despair also als HD-Game beworben? Die Antwort gibt es per Knopfdruck. Es ist tatsächlich möglich, aus einzelnen Räumen herauszuzoomen und das komplette Level ohne optischen Qualitätsverlust zu sehen. Egal wie lange ich auch nachdenke, mir fällt einfach kein anderes Videospiel ein, das einen ähnlich abgedrehten Anblick ermöglicht. Es handelt sich keinesfalls um eine Kartenfunktion. Jeder Raum ist mit Leben (oder zumindest mit toten Kreaturen, die sich bewegen) erfüllt. Wer sich fragt, welche Gefahren fünf Zimmer weiter links lauern oder ob irgendwo Hindernisse den Weg versperren, kann einfach nachsehen. Theoretisch wäre es sogar möglich, dass komplette Game aus der ungewohnten Perspektive zu genießen. Dafür wäre aber ein verdammt großer Fernseher nötig.


Bevor das eigentliche Spiel beginnt, darf aus einer kleinen aber feinen Gruppe alt gedienter Castlevania-Legenden ein Held gewählt werden. Unter den fünf spielbaren Figuren finden sich Namen wie Alucard, Soma Cruz und Jonathan Morris, die Kennern der Materie sicherlich in bester Erinnerung geblieben sind. Merkwürdigerweise wurde der komplette Belmont-Clan, aus dem im Laufe der Videospielgeschichte diverse Dracula-Bezwinger hervorgegangen sind, komplett übergangen. Es wäre allerdings wenig verwunderlich, wenn Simon, Trevor und der Rest der Sippe irgendwann als kostenpflichtige Downloads in der XBLA auftauchen. Wirklich vermissen muss man die abwesenden Helden ohnehin nur aus nostalgischen Gründen. Die verfügbaren Charaktere unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten und ihrer Bewaffnung gerade stark genug, um früher oder später alle einmal auszuprobieren.

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Nach getroffener Wahl folgende einige Minuten, in denen sich Déjà-Vu-Erlebnisse und Phasen völliger Verwirrung die Klinke in die Hand geben. Das Gameplay und die Steuerung sind alte Bekannte für jeden Kenner der Serie. Der gute alte Doppelsprung ist ebenso mit an Bord, wie eine Kurz- und eine Distanzwaffe. Castlevania-Kenner wissen also sofort was zu tun ist. Ein Raum nach dem anderen muss durchquert und von Gegnern gesäubert werden. In regelmäßigen Abständen stehen herrenlose Schatzkisten mit netten Extras herum und auch andere Objekte hinterlassen nach ihrer Zerstörung ein wenig Bargeld, einen Energie spendenden Leckerbissen oder andere nützliche Sachen. Bisher ist also alles beim Alten, oder? Eben nicht! In der rechten oberen Bildschirmecke tickt nämlich eine Uhr gnadenlos herunter. Die Videospiellogik besagt, dass der Endgegner der Festung gekillt werden muss, bevor die Zeit abgelaufen ist. Also wird das Labyrinth aus Räumen, Schaltern, Zugbrücken und verschlossenen Türen durchsucht, bis endlich der richtige Weg gefunden ist. Dummerweise kommt nun die nächste Überraschung. Der Boss ist nicht bloß ein ziemlich harter Hund, sondern ein Monster erster Güteklasse, das sich standhaft weigert, den Weg ins Nirvana zu gehen. Stattdessen teilt der Fiesling ordentlich aus und schickt unseren Helden innerhalb kürzester Zeit ins Reich der Toten. Es ist nicht einfach nur knifflig diesen Obermotz zu besiegen, es ist tatsächlich unmöglich.

Das Wunder der Erkenntnis lässt nicht lange auf sich warten. Beim zweiten Anlauf wird klar, dass Harmony of Despair zwar aufgebaut ist wie ein reinrassiges Actionspektakel, aber viel mehr Rollenspielelemente aufweist, als zunächst gedacht. Die schicken Ausrüstungsgegenstände die gesammelt wurden, gehen nämlich nach dem Ableben nicht verloren und dürfen weiterhin verwendet werden. Außerdem richten die Waffen immer mehr Schaden an, je häufiger sie benutzt werden. Nun ist also klar, dass irgendwann sowohl die angelegte Rüstung als auch die Kraft ausreichen werden, um alle Monster der ersten Festung zu bezwingen und in das nächste gruselige Gemäuer vorzudringen. Der Laden, der im Hauptmenü zu finden ist, erhält regelmäßig neue Ware zu erschwinglichen Preisen, die das Abenteurerleben weiter erleichtert.

Natürlich bringt es Spaß, sich durch die Horden der Monster zu kämpfen und besonders die Endgegner wurden wirklich gut in Szene gesetzt. Allerdings sind sechs Levels, trotz ihrer beachtlichen Grüße, nicht sonderlich viel. Außerdem fehlt dem neuen Castlevania etwas, das alle seine Vorgänger zu besonders spannenden Einzelkämpfer-Games gemacht hat. Die Rede ist von einer Story. Eine Handlung ist nämlich diesmal gar nicht vorhanden. Direkt aus dem Menü geht es in die Schlacht und auch während des Monstermassakers flimmern keine schicken Zwischensequenzen über den Bildschirm. Das ist tatsächlich schade, denn die mehr als 20 Vorgänger griffen inhaltlich immer ineinander und haben sich im Laufe der Jahre zu einem wahren Epos entwickelt.

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Castlevania – Harmony of Despair setzt voll auf den Multiplayer-Modus, um seine Käufer bei Laune zu halten. Über Xbox Live lassen sich schnell bis zu fünf Gleichgesinnte finden, die dazu bereit sind, durch eine kooperative Strategie einen neuen Zeitrekord aufzustellen. Richtig gelesen! Es gibt nur fünf spielbare Charaktere, aber trotzdem können sich sechs Personen in einem Level tummeln. Da sich die Farben der Kleidung ändern lassen, kommt aber dennoch wenig Verwirrung auf. Eine gute Ortskenntnis ist entscheidend, wenn keine wüsten Beschimpfungen aus dem Headset donnern sollen. Erst im Multiplayer-Modus ergeben einige Schalter oder andere auslösbare Ereignisse einen Sinn. So lässt sich beispielsweise ein tapferer Mitstreiter, der in den unteren Etagen aufgeräumt hat, per Fahrstuhl direkt zum ersten Endgegner befördern. An anderer Stelle wird ein Gegengewicht aus mindestens zwei Figuren benötigt, um eine Waage in die richtige Position für einen gewagten Sprung zu bringen. Teamwork wird hier wirklich groß geschrieben und einige Bereiche lassen sich tatsächlich nur in einer Xbox Live Partie erreichen. Diese Spielvariante entschädigt tatsächlich für die fehlende Story und den geringen Umfang. Voraussetzung sind aber immer ein paar befreundete Zocker, die wissen was sie tun müssen.

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Wer während einer Multiplayer-Partie das Zeitliche segnet, wird nicht zum Zuschauer degradiert. Wie es sich in einer Gruselwelt gehört, erwachen dahin gemeuchelte Spielfiguren als Skelette zu neuem Leben. In dieser Form können sie zwar deutlich weniger Schaden anrichten, sind aber wenigstens dazu in der Lage, weiterhin an der Schlacht teilzunehmen. Wer gute Online-Freunde mit entsprechender Ausrüstung hat, darf sogar auf eine Reinkarnation hoffen und anschließend wieder richtig mitmischen. Eine sehr gelungene Idee ist das Leaderboard, das neben den schnellsten Zeiten und den Highscores für jedes Level auch Filme zum Herunterladen bereithält. Besonders gute Leistungen dürfen mit der Welt geteilt werden. Das hilft nicht nur dem eigenen Ego, sondern auch Neulingen, die Tipps zum Bezwingen einzelner Herausforderungen suchen.

Die dritte verfügbare Spielvariante nennt sich Survival und ist anscheinend als kleiner Bonus zu verstehen. Hier geht es nicht darum, gemeinsam das Ziel zu erreichen. Stattdessen muss versucht werden, bis zu fünf Online-Kontrahenten das Lebenslicht auszupusten. Die wilden Schlägereien in verschlossenen Räumen ohne Fluchtmöglichkeit erinnern ein wenig an Super Smash Bros. auf diversen Nintendo-Systemen. Allerdings starten die Duellanten in Harmony of Despair nicht mit gleichen Voraussetzungen in den Kampf. Alle Waffen, Rüstungen und weiteren Extras, die im Hauptspiel gesammelt wurden, sind auch bei der Massenprügelei mit an Bord, so dass es für Einsteiger recht schwer ist, siegreich aus einer Runde hervorzugehen. Das Ganze könnte eigentlich auch Angeber-Modus heißen, da es hauptsächlich darum geht, anderen Zockern das wertvolle Arsenal vorzuführen.

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Der kooperative Multiplayer-Modus ist wirklich interessant und bietet gerade deshalb Anlass zur Kritik. Leider gibt es keine Möglichkeit, sich offline mit mehreren Monsterkillern ins Abenteuer zu stürzen. Wollen wir doch mal ganz ehrlich sein. Xbox Live ist eine tolle Erfindung und liefert uns zu jeder Tages- und Nachtzeit Mitspieler für Games, die sonst niemand mit uns zocken will. Doch gerade bei Harmony of Despair, wo Teamplay gefragt ist, können halbanonyme Online-Bekanntschaften ziemlich nervig sein. Irgendwer ist immer ohne Headset unterwegs oder weigert sich, der gemeinsam abgesprochenen Strategie zu folgen. Das neue Castlevania würde sich perfekt eignen, um es mit Beamer auf einer riesigen Leinwand im Multiplayer-Modus zu genießen. Es wäre nicht nötig, an einzelne Räume heranzuzoomen und alle hätten ihren Spaß. Auch die gute alte Splitscreen-Variante oder System-Link-Unterstützung hätten jeden Retro-Freund in Ekstase versetzt. Doch leider bleibt das ein schöner Traum, denn Konamis neueste Kreation kommt tatsächlich ohne Offline-Multiplayer-Modi daher.

Genau wie die Grafik, wurden auch die Musik und die Soundeffekte aus älteren Games der Serie übernommen. Das ist aber keine schlechte Sache, denn Castlevania war schon immer für seine herrlich düsteren Melodien mit gelegentlichen Chor- oder Gitarreneinlagen bekannt. Sicherlich wird es wieder einige Videsopiel-Soundtrack-Enthusiasten geben, die noch bessere Stücke ausgegraben hätten, aber was Harmony of Despair den Ohren zu bieten hat, reicht völlig aus, um eine gruselige Atmosphäre zu erzeugen.

Tim meint:

Tim

Castlevania – Harmony of Despair ist ein wirklich gelungenes Recycling-Experiment, das einige Features besitzt, die es bisher noch nicht zu sehen gab. Zeitweise schafft es der XBLA-Titel sogar den Charme der alten 2D-Klassiker zu erreichen, was alternde Zocker melancholisch und glücklich zugleich macht. Klassisches 2D-Gameplay, schön düstere Musik und Retro-Grafik lassen das Herz höher schlagen. Die Kindheitserinnerungen werden traurigerweise durch den etwas lieblosen Einzelspielermodus und den Verzicht auf eine Story schnell wieder getrübt. Um Harmony of Despair zu mögen, muss zwingend eine Begeisterungsfähigkeit für Multiplayer-Runden und Zeitattacken vorhanden sein. Die sechs großen Levels bieten eine Menge Spaß, Geheimnisse und Action. Trotz des insgesamt geringen Umfangs, lohnt es sich immer wieder, eine Online-Partie zu starten, um die Endgegner noch schneller zu besiegen. Dem fehlenden Offline-Multiplayer-Modus darf aber trotzdem nachgeweint werden, denn das aktuelle Castlevania hätte ein nahezu perfektes Spiel für gesellige Abende mit ein paar tatsächlich anwesenden Freunden werden können.

Positiv

  • klassisches Gameplay wird mit neuen Ideen veredelt
  • Online-Multiplayer-Spaß für sechs Personen
  • die Zoom-Funktion!

Negativ

  • keine Story
  • knapper Einzelspieler-Modus
  • kein Offline-Multiplayer
Userwertung
9.2 1 Stimmen
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Forum
  • von Shinobi MG:

    Auf der einen Seite würde ich das Castlevania auf jeden Fall kaufen ( wegen der Qualität ) auf der anderen Seite lege ich mir dann doch lieber wieder einen DS zu und kaufe es als richtiges Game mit Verpackung und Anleitung. Schade das nicht mal ne Castlevania Collection für die PS3 oder 360...

  • von Thomas3313:

    Aber wieso haben sie die Grafik 1:1 vom DS übernommen? Diese Entscheidung kann ich nicht verstehen. Wenigstens die Figuren hätten sie doch nicht so pixelig machen müssen. hmm

  • von Hazuki-san:

    instant buy

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