Deadly Premonition im Test

Xbox 360

Während Deadly Premonition jenseits des großen Teichs bereits seit einiger Zeit erhältlich ist, ließ man Mystery-Fans hierzulande ganz schön schmoren. Nach dem EU-Release durch dtp Entertainment und Publisher Rising Star Games gehen die Meinung- und vor allem Wertungen von Fachpresse und Spielerschaft weit auseinander. Klar dass auch wir es uns nicht nehmen lassen, die Xbox 360 Version des Psycho-Horror-Titels unter die Lupe zu nehmen...

deadly1.jpgGreenvale steht unter Schock! Das kleine Städtchen war Schauplatz eines blutigen Verbrechens. Der Ritualmord an einer jungen Frau stellt die örtlichen Behörden vor ein Rätsel und sorgt für Angst und Schrecken unter den Einwohnern. Im Auftrag des FBI begibt sich Special Agent Francis York in den amerikanischen Nordwesten um die Ermittlungen aufzunehmen und Licht ins Dunkel zu bringen. Natürlich stehen die „braven Bürger“ dem arroganten Großsstädter mehr als misstrauisch gegenüber, was seine Arbeit nicht wirklich erleichtert. Die mysteriösen Vorkommnisse häufen sich und schon nach kurzer Zeit wird klar dass die trügerische Kleinstadt-Idylle einige finstere Geheimnisse birgt, die besser nie ans Tageslicht kommen sollten. Eins steht fest: Es steckt weit mehr hinter dem Fall als ein "gewöhnlicher" Mord. Die Geschichte von Deadly Premonition klingt anfangs zugegebenermaßen eher unspektakulär, doch es dauert nicht lang bis sich daraus ein waschechter Psycho-Trip entwickelt, der mit viel Atmosphäre und eigenwilligen Charakteren aufwartet. Dank bizarrer Bilder, diverser Schockmomente und einem mehr als düsteren Setting kommen auch Horror-Fans nicht zu kurz. Zwar gestaltet sich die Story - vor allem gegen Ende - immer konfuser und anstrengender, dafür wird sie aber intelligent erzählt und sorgt über die gesamte Spielzeit hinweg für Spannung.

deadly6.jpgVon wegen Games können nicht mit Filmen konkurrieren. Bei Deadly Premonition könnte sich so mancher Psycho-Thriller eine Scheibe abschneiden! Zumindest was die Handlung betrifft, welche sich stark an dem Mystery-Serienhit Twin Peaks orientiert. Gameplaytechnisch besteht der 3rd-Person-Titel aus scheinbar wild zusammengewürfelten Elementen die, für sich betrachtet, nur wenig Sinn ergeben. Im Hinblick auf den Gesamteindruck wirken die einzelnen Komponenten aber dann doch irgendwie - und ich kann kaum fassen, dass ich das Wort bezugnehmend auf dieses Spiel verwende - authentisch. So muss sich unser Special Agent mit Zeugen und Dorfbewohnern unterhalten, Greenvale und Umgebung in Augenschein nehmen, blutige Tatorte untersuchen und fleißig Beweismittel sammeln. So weit so gut, klingt ja bisher alles nach ganz normaler Polizeiarbeit! Dass wir uns nebenbei mit widerlichen Kreaturen und Monstrositäten herumschlagen müssen, die uns - im wahrsten Sinne des Wortes - an die Gurgel wollen, wirkt da schon eher seltsam.

Auch dass wir darauf achten sollten stets gut rasiert und frisch gekleidet zu sein, sowie ausreichend Kaffe, Zigaretten und Snacks zu konsumieren, erscheint - für ein Videospiel - zunächst ungewohnt. Generell bewegen wir uns in Verfolger-Perspektive durch Greenvale, kümmern uns um die Spurensicherung und tragen Informationen über die Vorkommnisse in dem vermeintlich beschaulichen Örtchen zusammen.

deadly10.jpgDen Tagesablauf können wir uns dabei frei einteilen! Um die Hauptstory oder diverse (0815-)Nebenmissionen in Angriff zu nehmen, müssen wir nur zur entsprechenden Uhrzeit am richtigen Ort erscheinen. Während die Story-Missionen die düstere Geschichte vorantreiben, lassen sich mit den Nebenaufgaben ein paar zusätzliche Dollar verdienen. Letztere können wir in den örtlichen Geschäften nach Belieben in Waffen, Kleidung oder Genussmittel investieren. Die restliche, freie Zeit darf dann noch mit Mini-Games wie Angeln oder Darts, dem Suchen von Sammelkarten und aufschlussreichen Gesprächen mit der oftmals merkwürdigen Landbevölkerung verbracht werden. Was die Spielzeit angeht, liegt Deadly Premonition bei gut 20 Stunden, für ein reines Einzelspieler-Erlebnis durchaus respektabel!

Greenvale und Umland sind größtenteils frei begehbar und ziemlich weitläufig ausgefallen. Um sich also nicht die Hacken von den Stiefeln zu laufen, empfiehlt es sich auf fahrbare Untersätze zurück zu greifen, die vereinzelt in der Gegend herum stehen. Wie im echten Leben schalten wir bei Regen die Scheibenwischer ein, blinken beim abbiegen und halten an der Tankstelle, sofern das Benzin zur Neige geht.
 

deadly4.jpgDass wir außerhalb bewohnter Siedlungen nicht viel mehr als trostlose, weitestgehend menschenleere Gegenden zu Gesicht bekommen nagt aber an der Atmosphäre. Selbiges gilt für die Tatsache, dass sich die lahmen Autos steuern wie ein Schluck Wasser in der Kurve! Glücklicherweise findet sich im späteren Spielverlauf aber eine Möglichkeit auf Knopfdruck zu jedem bereits besuchten Ort zu reisen. An bestimmten Stellen, meist nachdem wir via Quick Time-Profiling einen Tatort untersucht haben, finden wir uns plötzlich in einer düsteren und surrealen Traumwelt wieder. Hier ist Schluss mit Adventure und der Shooter-Anteil des Spiels kommt zum Tragen. Wie oben erwähnt müssen wir uns gegen allerlei abartige und groteske Biester zur Wehr setzen, die uns ans Leder wollen. Mittels Pistole oder Schrotflinte wird dann ordentlich Monstermatsch verursacht, wobei das selbst im niedrigsten Schwierigkeitsgrad nicht immer einfach ist. Die meisten Gegner kommen als wahrer Kugelfang daher und schlucken gern mal ein ganzes Magazin, bevor sie ins virtuelle Gras beißen. Glücklicherweise verfügt die FBI-Standard-Bleispritze über unendliche Munitionsreserven und zur Not halten wir einfach die Luft an um kurzzeitig aus dem "Sicht"-Feld der Kreaturen zu verschwinden! Leider sind die Schießereien äußerst undynamisch und haklig ausgefallen: York bewegt sich viel zu schwerfällig, das Zielkreuz kriecht im Schneckentempo über den Bildschirm und sobald wir eine Waffe im Anschlag haben, ist unser alter Ego a là Resident Evil am Boden festgewachsen. Neben diversen Ballermännern darf York auch zu Messer, Axt oder Spitzhacke greifen, sollte es die Situation erfordern.
 

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Ab und zu werden wir auch von einem rot gewandeten Killer durch die Pampa gehetzt! Dank Wackelkamera und Orientierungslosigkeit sind diese Abschnitte aber eher nervig, als angsteinflößend. Deadly Premonition mit anderen Games zu vergleichen fällt gar nicht so leicht. Am Nächsten käme wohl eine Mischung aus Alan Wake, Silent Hill und Resident Evil. Überraschenderweise funktioniert dieser Mix erstaunlich gut, wobei man sich natürlich darüber im Klaren sein sollte, dass Deadly Premonition technisch in keinster Weise an die Qualität der oben genannten Spiele heran reicht. Optik und Gameplay sind furchtbar altbacken und nicht selten ist man vor lauter Frust kurz davor den Controller gegen die Wand zu schmeißen. Und dennoch: Irgendwie schafft es der Titel trotz aller Unzulänglichkeiten nachhaltig für Begeisterung zu sorgen. In erster Linie liegt das an der spannenden, wenn auch wirren Geschichte und den schlichtweg genialen Haupt- und Nebencharakteren.

Die Bewohner Greenvales sind verdammt schräge Vögel und unser FBI-Profiler setzt dank einer ausgeprägten Persönlichkeitsstörungen und diverser Psychosen nochmal einen drauf. Speziell die „Gespräche“ mit seiner zweiten Identität Zach strotzen vor schwarzem Humor und sind meist herrlich unpassend. Egal wie ernst eine Situation auch sein mag, es findet sich immer einen Grund über Filme, persönliche „Vorlieben“ oder sonstigen, vermeintlichen Nonsens zu plaudern.
 

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Allgemein ist die Vertonung eine der Stärken des Spiels! Die englischen Originalsprecher machen einen guten Job und hauchen den skurrilen Figuren Leben ein. An der Akustik gibt es ebenfalls nicht viel auszusetzen, die mitunter gewöhnungsbedürftige Musikuntermalung sorgt für Atmosphäre und auch die Umgebungs- und Soundeffekte tragen zum Horror-Feeling bei. Die Waffensounds und Motorengeräusche der Fahrzeuge würde ich hingegen als ausbaufähig bezeichnen! ;-) Eine deutsche Synchronisation gibt es nicht, die Untertitel reichen aber völlig. Und die Optik… Ja, die ist einfach nix! Verwaschene Texturen, hölzerne Animationen, Pop-Ups und Nachladeruckler soweit das Auge reicht: Schön sieht wahrlich anders aus. Die Grafik von Deadly Premonition ist - ohne Übertreibung - auf niedrigem LastGen-Niveau angesiedelt. Angesichts der Tatsache, dass es sich um eine Low Budget-Produktion handelt, lässt sich dieser Umstand zwar verschmerzen - schade ist es aber trotzdem. Immerhin wartet Entwickler Access Games mit einem dynamischen Tag/Nachtwechsel und Wettereffekten auf, die der tristen Präsentation ein wenig Stimmung verpassen.

Das USK18-Logo auf der Verpackung kommt übrigens nicht von ungefähr! Meiner Meinung nach ist Deadly Premonition aber weniger wegen den Gewaltszenen, sondern eher auf Grund der kranken Story absolut ungeeignet für Minderjährige.




Harry meint:

Harry

Bezogen auf die harten Fakten kann sich Deadly Premonition eigentlich gleich selbst eingraben! Grafik auf niedrigem PS2-Niveau und haufenweise Gameplay-Macken können anno 2010 wirklich niemand mehr hinter dem Ofen hervor locken. Was also macht die Faszination des Mystery-Titels aus?! Ganz einfach, es ist anders - es ist so dermaßen anders dass man gern über all die Unzulänglichkeiten hinwegsieht und sich auf einen bizarren Psycho-Trip begibt, der wahrlich seinesgleichen sucht.

Mainstream-Fans sind hier völlig falsch, Deadly Premonition ist kein Spiel für die HD-verwöhnten Massen! Wer aber auf Psycho-Horror im Twin Peaks-Stil steht und einen Faible für B-Movie-Flair hat, sollte sich das Teil definitiv genauer ansehen. Zumal es zum Budget-Preis von 29,99 € angeboten wird!

Positiv

  • Spannende Story
  • Gelungenes Charakter-Design
  • Faires Preis/Leistungsverhältnis

Negativ

  • Optisch ganz schwach
  • Gameplay-Macken
  • Drahtseil-Nerven erforderlich

Heiko meint:

Heiko
Man kann Deadly Premonition viel vorwerfen: Schreckliche Grafik, hakelige Steuerung. Doch es ist wie in der Liebe: Was interessiert einen die Optik einer Frau, wenn man sie liebt? Richtig, herzlich wenig. Deadly Premonition ist für mich in allen Bereichen der Xbox 360 Titel des Jahres, ja der gesamten 360-Lebenszeit überhaupt. Das Spiel vereint alles was, was meiner Meinung nach ein gutes Spiel ausmacht: Abwechlung, tolle Charaktere, mitreißende Story, Originalität. Der wahnwitzige Mix aus Twin Peaks, Open World, Resident Evil 4 und Silent Hill braucht sich vor den polierten Hochglanztiteln vom Schlage eines Heavy Rain nicht zu verstecken. Wenn der smarte und leicht verrückte Agent Morgan im beschaulichen Greenvale die Ermittlung an einem obsukren Serienkiller beginnt und dabei eine Menge lebenswerter und teils schräger amerikanischer Dorfbewohner kennenlernt fühlt man sich direkt heimisch. Morgens der Kaffee, der Plausch mit den Kollegen, Mittag im Diner, Nachmittags Ermittlungen im Sägewerk. So und nicht anders hätte eine Versoftung von Twin Peaks ausgesehen, David Lynch wäre stolz auf die Jungs von Access Games. Deadly Premonition ist, um das anfängliche Beispiel wieder aufzugreifen, emotionalisierend. Und zwar so, dass einem die Schönheitsfehler im Laufe des Spiels nicht mehr auffallen. Ganz wie in der Liebe eben...
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8.9 17 Stimmen
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Forum
  • von DeftOne:

    Jekhar schrieb: DeftOne schrieb: Swery selbst ist ja glaub auch gar nicht mehr bei dem damaligen Entwickler. Ach, das habe ich gar nicht mitbekommen. Dann hat es sich wohl eh...

  • von Jekhar:

    DeftOne schrieb: Swery selbst ist ja glaub auch gar nicht mehr bei dem damaligen Entwickler. Ach, das habe ich gar nicht mitbekommen. Dann hat es sich wohl eh erledigt, schade....

  • von DeftOne:

    Swery selbst ist ja glaub auch gar nicht mehr bei dem damaligen Entwickler. Wäre also sowieso nicht mehr dasselbe.

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