Neverwinter Nights 2 im Test

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’’Die Hölle war über das Dorf Westhafen hereingebrochen. Asche schwebte wie schwarzer Schnee im Wind, sie stammte von den Feuern, die über dem Himmel darüber züngelten. Kriegslaute - Stahl, der auf Stahl traf, das Geschrei und Gejammer der Verwundeten und Sterbenden, das Getöse von freigesetzter Magie prasselt auf den Magier ein, eine ohrenbetäubende Kakophonie, die an seinem Verstand zerrte und die Konzentration gefährdete, die für seine Kunst notwendig waren. Die Kreaturen des Schattens kamen geballt und unerwartet, doch ihre Taktik war weder die einer besetzenden Armee noch die von brandschatzenden Plünderern. Die Wesen waren auf der Suche nach etwas, und der Magier möge verdammt sein, wenn er es ihnen überließe. Plötzlich ebbte der Kampf ab…bla bla bla..’’

Neverwinter_Nights_2_11Um das Ganze in einer Sprache zu beschreiben, die auch jeder Mensch versteht, solltet ihr nicht die winzige Gebrauchsanweisung von Neverwinter Nights 2 lesen, sondern lieber diesen Test studieren, der mehr Klarheit bringt als das nette Heftchen in der Verpackung. Ihr wisst doch, wie das ist: Ein glanzvoller Held wird in Probleme verstrickt, die sein Dorf und natürlich das Land in großer Gefahr versetzen.

Worum geht es? Selbstverständlich um ein geheimnisvolles Artefakt, das Unmengen magisches Potenzial in sich trägt. Ihr als genretypisch unerfahrener Weltverbesserer sollt das Ding in Sicherheit bringen und nach 3 Kapiteln und 50 Spielstunden das Böse in die Schranken verweisen. Well done Obsidian Entertainment! Als hätten wir rollenspielverwöhnten Deutschen diese Geschichte nicht schon mal gehört.

Bevor ihr euch in die doch leicht durchschaubare Kampagne stürzt, gilt es im Charakterbaukasten sein Alter Ego zu erstellen. Genreneulinge, die zum ersten Mal Fuß fassen wollen im Dungeon & Dragons-Regelwerk, werden hier mit einer Fülle von Informationen und Einstellungsmöglichkeiten erschlagen, was viel Lesen und Geduld erfordert. Fans, die schon den Vorgänger begeistert zockten, werden neue Völker und Prestigeklassen mit einem Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen. Nach der Wahl der Klasse, Gesinnung, Gottheit und der Verteilung der Attributspunkte in Stärke, Geschicklichkeit, Konstitution, Intelligenz, Weisheit und Charisma findet sich der Spieler im beschaulichen Örtchen Westhafen wieder, wo gerade das alljährliche Erntefest Einzug gefunden hat.

Neverwinter_Nights_2_16Die bäuerliche Idylle wird leider gestört, als eine Horde von Klingenwesen das Dorf angreift. Sofort werdet ihr beauftragt, die Milizen im Dorf zusammenzutrommeln, um das Schlimmste zu verhindern. Hierbei wird der Spieler zum ersten Mal in richtige Kämpfe verwickelt. Diese werden zwar mit Schwertern und Zaubersprüchen ausgeführt, aber in Wirklichkeit wird jede Feindbegegnung ausgewürfelt. Dazu klickt ihr einfach mit der Maus auf einen Gegner und der Mac würfelt für euch das Ergebnis aus und zeigt detailliert im Infofenster am unteren Rand, warum z.B. ein Schlag ins Leere ging. Sollten euch die Gefechte im späteren Verlauf der Kampagne zu schnell gehen, könnt ihr das Vorgehen dabei mit der Leertaste pausieren und jetzt in aller Ruhe eure Kommandos erteilen.

Nachdem ihr (natürlich!!!) die Klingenwesen mit Hilfe der Dorfbewohner und der Miliz in die Flucht schlugt, wird die Frage aufgeworfen, warum diese so unverhofft und ohne Ankündigung das Dorf überfielen. Schnell ist die Antwort gefunden, denn die Kreaturen wollten einen Silbersplitter, einen Gegenstand mit magischen Eigenschaften, in ihren Besitz bringen. Der namenlose Held wird beauftragt, das wertvolle Objekt sicher nach Neverwinter zu bringen, wo es genauer untersucht werden soll, um die Sicherheit von Westhafen und natürlich Faerûn zu gewährleisten. Hierzu wandert der Heroe zuerst allein durch das westliche Küstengebiet von Faerûn.

Neverwinter_Nights_2_22Via Gespräche mit NPC’s werden neue Bereiche auf der dicht besiedelten Karte erreichbar. Schnell werdet ihr auf dem Weg nach Neverwinter auf die ersten Gefolgsleute treffen, denen ihr klischeehafterweise immer erst aus der Patsche helfen müsst, damit sie sich eurer Gruppe anschließen. So begleitet euch schon nach kurzer Zeit eine vielseitige Truppe, die aus Gaunern, Nahkämpfern oder Magiern besteht.

Jeder dieser Charakter bringt seine eigene kleine Geschichte mit ins Spiel, die er je nach eurer Gesinnung preisgibt. So wurde viel Wert auf Charaktergesinnung zwischen euch und der Gruppe gelegt, was zu vielen ausführlichen Textpassagen führen kann. So werdet ihr beispielsweise häufig gezwungen sein, eine Seite bei Streitigkeiten zwischen den Begleitern zu wählen.

Die Fertigkeiten eurer Teamkollegen können oft missionsentscheidend sein, sodass ihr unter den 12 Gefährten eine gute Wahl treffen solltet. Genretypisch bekommt eure Party bei Kämpfen Erfahrungspunkte, die zum Levelaufstieg benötigt werden. So könnt ihr die Eigenschaften eures Helden lenken, wohin es euch beliebt. Beim ortsansässigen Händler könnt ihr euer Inventar in bare Münze umtauschen und so manches nettes Item einsacken. So schön sich das alles anhört wird das Game für meinen Geschmack zu glasklar präsentiert.

Oft weiß ich als Spieler, was gleich passieren wird und die Sidequest wurden zu fantasielos dahingestellt, sodass Neverwinter Nights 2 im Vergleich zu anderen Rollenspielen äußerst altmodisch daherkommt. Beispiel: Im Fort Locke hat eure Gruppe ein nettes Gespräch mit dem Statthalter, der euch selbstverständlich von seinen Sorgen erzählt. Diese kommen durch ansässige Banditen zustande, die sich in den Wäldern rumtreiben. Natürlich könnt ihr den Ausgang der Diskussion mit verschiedenen Antworten bestimmen, aber schnell wird klar, dass nur eure Gruppierung im Stande ist, die Bedrohung, die Fort Locke umgibt, zu beseitigen.

Neverwinter_Nights_2_30Also marschiert ihr ins Banditennest, nehmt alles auseinander und der Dank des Statthalters wird euch ewig gewiss sein. Nicht wirklich spannend in Szene gesetzt! So auch, wie ihr auf eure Kameraden trefft. Das läuft nach dem Konzept: Person ist in Schwierigkeiten durch gefährliche Typen und ihr müsst natürlich die Kohlen aus dem Feuer holen. Als Dank schließt sich der neue Charakter der Gruppe an und erzählt euch gleich seine Lebensgeschichte.

Auf der technischen Seite gibt es leider ein paar Mängel zu bemerken: Das grafische Fundament stellt die fünf Jahre alte Aurora-Engine dar, die Obsidian komplett überarbeitete und jetzt Electron nennt. Zunächst wären die voreingestellten Kameraperspektiven zu erwähnen, die keine Ansicht perfekt darstellen. Wiederholt werdet ihr in der Hitze des Gefechts die Kameraposition wechseln müssen, was die Pausenfunktion zu eurem besten Freund machen wird - schade!. Die Qualität der Levelarchitektur schwankt: Protzen einige Innenausstattungen von Häusern mit Detailverliebtheit, sehen viele Dungeons dagegen lieblos wie aus dem Baukasten aus. So sind leider auch alle Charaktere äußerst polygonarm und die Animationen könnten ebenfalls einen Tick besser sein. Dafür sind die Zaubersprüche mit ihren effektreichen Explosionen eine echte Augenweide. Allerdings wurden beim Sound nicht alle Textpassagen vertont, was viel Lesen in Anspruch nimmt. Hin und wieder taucht die englische Sprachausgabe bei den Kämpfen auf, was aber bei der guten deutschen Synchronisation keinen Verlust an Atmosphäre darstellt.

Angesichts der mäßigen grafischen Präsentation verblüffen die Ansprüche von Neverwinter Nights 2 doch ein bisschen. Ein Intel Mac soll es sein - und möglichst mit 2 GB RAM und einer 256 MB Grafikkarte, denn sonst will keine so rechte Freude aufkommen. MacBook Besitzer verabschieden sich besser ausgenblicklich auch nur einen Gedanken auf den Kauf zu verschwenden. Selbst bei relativ neueren Intel Rechnern werdet ihr den einen oder anderen »Ruckler« während der etwa 50-60 Stunden Spielzeit in Kauf nehmen müssen.




Sebastian meint:

Sebastian

In einem Punkt muss ich Obsidian Entertainment Respekt zollen: Die Detailverliebtheit bei Gegenständen, Charakterklassen u.s.w. ist unerreicht und jemand der viel Wert darauf legt, wird sein Zuhause finden. Beim Storytelling ist Neverwinter Nights 2 jedoch kein Musterbeispiel. Ein Rollenspiel lebt von seiner Story, die hier für meinen Geschmack zu glasklar präsentiert wird. Neulinge, die sich im D&D-Universum versuchen wollen, müssen viel Zeit und Geduld mitbringen, weil das Spiel textlastig ist und die ersten Spielstunden äußerst mau daherkommen. Ich kann keine Empfehlung aussprechen.

Positiv

  • Regelwerk Dungeons&Dragons 3.5
  • Tolle Effekte
  • Taktische Kämpfe

Negativ

  • 08/15 Story
  • Innovationslos
  • Leveldesign teils aus dem Baukasten
Userwertung
6.0 2 Stimmen
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Forum
  • von Mistercinema:

    Heute haben Perfect World Europe B.V., einer der führenden Publisher von Free-to-play MMORPGS, und Cryptic Studios bekannt gegeben, dass Lost City of Omu, Neverwinters neueste Erweiterung, am 27. Februar auf dem PC und zu einem späteren Zeitpunkt auf der Xbox One und der PlayStation®4 erscheinen...

  • von Civilisation:

    Unser unermütlicher Sebastian war erneut als Mac-Rezensent aktiv. Dieses Mal hat er sich um Neverwinter Nights 2 gekümmert. Neverwinter Nights 2 ’’Die Hölle war über das Dorf Westhafen hereingebrochen. Asche schwebte wie schwarzer Schnee im Wind, sie stammte von den...

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