The Vanishing of Ethan Carter im Test

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Es gibt Spiele, die sich nicht mit dem Anspruch begnügen, bloß zu unterhalten. The Vanishing of Ethan Carter, entwickelt vom polnischen Studio The Astronauts und erstmals 2014 erschienen, ist eines davon. Es ist ein Erlebnis, das sich irgendwo zwischen interaktivem Roman, Walking Simulator und klassischem Detektivspiel einquartiert – und dabei eine eigene, schwer zu beschreibende Qualität entwickelt, die lange nach dem Abspann im Gedächtnis bleibt.

The-Vanishing-of-Ethan-Carter-06Man schlüpft in die Rolle von Paul Prospero, einem okkulten Detektiv mit der Gabe, die Vergangenheit aus den Spuren zu lesen, die Menschen an Orten hinterlassen. Er reist in das fiktive Red Creek Valley in Wisconsin, einem verschlafenen Bergtal mit verfallenen Minen, herbstlichen Wäldern und einem Fluss, der sich durch das Bild wie ein blauer Faden zieht. Dorthin hat ihn ein Hilferuf geführt: Der junge Ethan Carter, ein offensichtlich phantasiebegabtes Kind, ist verschwunden. Was folgt, ist keine gewöhnliche Detektivgeschichte. Die erste Begegnung mit Red Creek Valley ist ein kleiner Schock – im besten Sinne. Die Landschaft, die The Astronauts mit Photogrammetrie-Technologie eingescannt und aufgebaut hat, wirkt in ihrer Detailtiefe schlicht unglaublich. Moos auf Steinen, das Leuchten des Abendlichts durch Birkenwälder, der feinkörnige Sand am Ufer des Flusses – hier wurde keine Mühe gespart. Die Welt sieht nicht wie ein Videospiel aus. Sie sieht aus wie eine Erinnerung. Das Studio warnte die Spieler bereits vor dem Start: Dies sei kein traditionelles Spiel. Es gibt keine Tutorials, keine Pfeile, keine Hilfssysteme. Man wird einfach in die Welt gesetzt und muss sich selbst zurechtfinden. Wer das akzeptiert, wird belohnt.

Das Gameplay ist überschaubar, aber intelligent eingesetzt. An verschiedenen Schauplätzen im Tal sind Verbrechen geschehen – Morde, für die Ethans Familie verdächtig ist. Paul Prospero muss diese Ereignisse rekonstruieren, indem er Spuren untersucht, Objekte findet und die Reihenfolge von Ereignissen in der richtigen Abfolge zusammensetzt. Diese Mechanik ist einfach, aber wirkungsvoll, weil sie die Atmosphäre nie unterbricht. Man hat nie das Gefühl, ein Puzzle zu lösen, sondern ein Bild zu vervollständigen. Jede rekonstruierte Szene legt einen weiteren Teil des Geheimnisses frei, und das Spiel dosiert seine Enthüllungen mit Bedacht. Was The Vanishing of Ethan Carter von ähnlichen Spielen abhebt, ist sein literarischer Anspruch. Ethan ist ein Kind, das Geschichten schreibt – dunkle, phantastische Geschichten, die in der Welt des Tals Gestalt angenommen zu haben scheinen. Die Dinge, denen Prospero begegnet, sind nicht rein rational erklärbar. Es gibt einen Astronauten in einem Weizenfeld, eine Leiche auf einem Eisenbahngleis, eine verborgene Krypta unter einem Friedhof. Das Spiel bewegt sich bewusst zwischen Realismus und Übernatürlichem, ohne je ganz preiszugeben, was davon wahr ist. Diese Ambiguität ist keine Schwäche, sondern Absicht – sie spiegelt die innere Welt eines Kindes wider, das Fantasie als Schutzschild benutzt.

The-Vanishing-of-Ethan-Carter-05Die Erzählung ist dabei von bemerkenswerter emotionaler Reife. Ohne zu viel zu verraten: Was auf den ersten Blick wie eine Horrorgeschichte über eine dysfunktionale Familie beginnt, entpuppt sich am Ende als etwas Zarteres und Traurigeres. Der Schluss des Spiels ist polarisierend – manche empfinden ihn als clevere Auflösung, andere als billigen Kniff. Wer sich jedoch ganz auf die Erzählung eingelassen hat, wird feststellen, dass er logisch und emotional konsistent ist. Er verlangt dem Spieler Mitdenken und Mitfühlen ab, und das ist in einem Medium, das oft auf Eindeutigkeit setzt, selten genug. Die Spielzeit ist ein bekanntes Diskussionsthema: Mit etwa vier bis fünf Stunden ist The Vanishing of Ethan Carter ausgesprochen kurz. Für den vollpreisigen Einstieg der Erstveröffentlichung war das ein berechtigter Einwand. Inzwischen ist es für kleines Geld erhältlich, und auf diesem Preisniveau ist die Erfahrung kaum zu übertreffen. Die Kürze ist im Übrigen auch eine ästhetische Entscheidung: Das Spiel kennt seine eigene Länge und dehnt sich nicht künstlich aus. Es sagt, was es zu sagen hat, und endet.

Technisch gibt es, besonders in der Redux-Version von 2015, kaum etwas zu beanstanden. Die Performance ist solide, die Ladezeiten kurz, und die oben erwähnte visuelle Qualität hält sich auch Jahre nach Release wacker. Der Soundtrack von Mikolai Stroinski verdient besondere Erwähnung: Er ist zurückhaltend eingesetzt, aber wenn er einsetzt, verstärkt er die melancholische Stimmung des Tals auf ganz eigene Weise – manchmal elegisch, manchmal beunruhigend, stets passend. Es gibt kleine Schwächen. Die Steuerung ist gelegentlich etwas träge, die Navigation in einigen Bereichen des Tals leicht verwirrend, und ein, zwei der Rätsel setzen auf etwas obskure Logik, die dem Spielfluss kurz die Luft nimmt. Auch wer ein Spiel mit Handlungsagenz sucht, also die Möglichkeit, die Geschichte durch eigene Entscheidungen zu beeinflussen, wird hier nicht fündig. The Vanishing of Ethan Carter ist bewusst passiv konstruiert: Man beobachtet, man liest, man versteht – aber man greift nicht ein.

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Wer sich darauf einlassen kann, erwartet eines der stimmungsvollsten Spielerlebnisse des letzten Jahrzehnts. Red Creek Valley ist ein Ort, den man nicht so schnell vergisst. Ethan Carters Geschichte ist eine, die nachhallen soll. Und Paul Prospero ist als stiller Zeuge genau die richtige Begleitung durch diese eigenartige, traurige, wunderschöne Welt. The Vanishing of Ethan Carter ist kein Spiel für jeden – aber für diejenigen, die es anspricht, ist es nahezu unverzichtbar.

Positiv

  • Außergewöhnliche visuelle Qualität durch Photogrammetrie-Technologie
  • Atmosphärisch dichte, literarisch anspruchsvolle Erzählung
  • Intelligente Rätselstruktur, die den Spielfluss nicht unterbricht

Negativ

  • Sehr kurze Spielzeit von nur 4–5 Stunden
  • Gelegentlich unklare Rätsellogik und träge Steuerung
Userwertung
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Forum
  • von bbstevieb:

    Bin durch. Wunderbares Game mit einer grandiosen Story, schon lange habe ich nichts mehr so packendes in Sachen Storytelling in einem Videospiel erlebt!Zum Glück habe ich nach meiner ewigen erfolglosen Suche im Game Pass mich dazu entscheiden den 10er dafür auszugeben!...

  • von bbstevieb:

    Wow, habe gestern Abend noch einen günstigen Code geschossen und gleich mal damit angefangen. Bin absolut begeistert, da passt bisher alles Grafik, Atmo, Soundtrack, Story. Da habe ich bisher ein echtes Highlight verpasst. Tolles Game!...

  • von BigJim:

    Zitat von namenlos Echt schönes Game. Kann ich bestätigen. Review siehe hier: Ethan Carter-Test von BigJim...

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