Yakuza 6: The Song of Life im Test

PlayStation 4

Was lange währt, wird endlich gut: Fast 1 ½ Jahre nach dem Japan Release geht Yakuza 6 endlich auch in Deutschland an den Start. Hat sich das Warten gelohnt und kann Kiryus voraussichtlich letztes Abenteuer einen guten Abschluss bringen?

YAKUZA_6_nexgam_05Im Jahre 2005 veröffentlichte SEGA unter der Federführung von Toshihiro Nagoshi den ersten Teil des japanischen Gangesterepos. Das Open-World-Abenteuer machte klare Anleihen bei Yu Suzukis Shenmue, indem es neben einer packenden Story eine japanische Stadt als Spielplatz für verschiedenste Nebenbeschäftigungen präsentierte. Anders als der ältere Titel schlug aber das actionlastigere Yakuza zumindest in Japan groß ein; der optimale Mix war gefunden, und die überzeichneten Charaktere, die Gangsterfilm, Cartoon und Kung-Fu-Film in sich vereinten, fesselten mehr als das zurückhaltende Shenmue.

 

Nur im Westen blieb der große Erfolg aus. Trotz prominenter Synchronsprecher wie Mark Hamill konnte weder das PlayStation-2-Original, noch die multiplen Fortsetzungen auf PS2 und PlayStation 3 den Massenmarkt erobern. Als zu japanisch galt das Game, und mehrfach stand die Fortführung der Serie außerhalb Japans in der Schwebe und konnte nur durch lautstarke Forderungen der Fans gerettet werden.

 

YAKUZA_6_nexgam_01Nun hat die Reihe nach fünf Hauptteilen, einem Prequel und fünf Spin-offs (von denen tatsächlich vier, die inhaltlich nicht mit der Geschichte in Verbindung stehen, Japan-only blieben) Teil 6 erreicht. Zum siebten Mal steht Kazuma Kiryu, Ex-Yakuza mit Herz aus Gold im Mittelpunkt. Nachdem er sich bei Yakuza 4, 5 und Zero das Rampenlicht mit anderen teilen musste, gehört es nun wieder ganz ihm. Der Grund: SEGA machte klar, dass Yakuza 6 das endgültige Finale der Saga um Kiryu sein würde. Daher erscheint es nur passend, dass sich alles um ihn dreht.

 

Nach den Ereignissen von Yakuza 5 überlebt Kiryu zwar seine schwere Verletzung, entschließt sich aber die Verantwortung für das Chaos zu übernehmen und ins Gefängnis zu gehen. Der Grund: Er möchte die Kinder im von ihm geleiteten Waisenhaus nicht mit dem Stigma des Yakuza belasten, der der Strafe entgangen ist. Und seinem ehemaligen Clan, den Tojos, nicht mehr Probleme bereiten, als nötig. Als er drei Jahre später entlassen wird und heimkehrt, findet er heraus, dass sein Mündel Haruka Sawamura verschwunden ist. Das inzwischen 19-jährige Mädchen, auf das er seit den Ereignissen des allerersten Teils aufgepasst hat, hatte sich am Ende von Yakuza 5 live auf der Bühne ihres ersten großen Pop-Konzertes zu ihrem „Onkel“, dem Yakuza bekannt. Wieder daheim im Waisenhaus und ohne Kiryu hatte sie auf die Jüngeren aufpassen wollen, es aber für besser gehalten nach dem Skandalauftritt die Kinder aus dem unumgänglichen Trubel mit den Paparazzi herauszuhalten und sie zu verlassen.

YAKUZA_6_nexgam_04Kiryu wusste von all dem nichts und macht sich auf die Suche. Die Spur führt ihn nach Kamurocho, in sein altes Revier… doch als er Haruka findet liegt sie nach einem Unfall mit Fahrerflucht im Koma. Das ist schlimm, doch der wahre Schock: Sie umklammerte dabei ein vielleicht ein Jahr altes Baby. Kiryu nimmt das Kind an sich, überzeugt, dass es Harukas sein müsse, und macht sich auf die Suche nach dem Unfallfahrer und dem Vater. Dabei wird natürlich wieder ein komplexer Plan verschiedener Syndikate enthüllt, der den alternden Gangster aus Kamurocho in ein kleines Städtchen in Hiroshima führt. All das ist kaum mehr als die Ausgangslage der Story.

 

Schnell wird klar: Man sollte unbedingt die vorigen Spiele beendet haben, bevor man sich Yakuza 6 widmet. Spielerisch scheint erstmal alles beim Alten. Kazuma kann sich frei durch Kamurocho und Hiroshima bewegen, der Story folgen, Minigames genießen oder Quests erleben. Überall laufen neben normalen Passanten pöbelnde Halbstarke und Yakuza herum, die eine Abreibung brauchen. Für den Kampf wird nicht mehr in einen extra Screen umgeblendet, das Erforschen geht fließend ins fröhliche Gedresche über.
 

Hier gibt es eine bemerkenswerte Neuheit: Grenzenlosigkeit. Anders als je zuvor ist man nicht auf ein kleines Areal um den Startpunkt des Kampfes beschränkt. Man kann sich im Kampf durch das gesamte Spielgebiet bewegen oder versuchen zu fliehen. Sogar umliegende Geschäfte und Restaurants dienen als Arenen. Man kann Gegner problemlos durch die Schaufenster ins Innere schleudern, die Treppe eines Restaurants hochsteigen und sich zwischen den Gästen weiterprügeln. Diese Freiheit ist die größte Neuerung.

 

YAKUZA_6_nexgam_07In anderen Belangen ist Yakuza 6 dagegen leider gegenüber den Vorgängern beschnitten . So ist das in Yakuza Zero eingeführte, und in Kiwami fortgeführte System mit wechselbaren Kampfstilen leider passé. Ebenso gibt es keine Meister mehr, von denen neue Techniken erlernt werden können, alles läuft über Erfahrungspunkte. Waffenläden existieren nicht mehr, dementsprechend darf man im Inventar keine Argumentationsverstärker mehr ausrüsten. Nur was im Kampf aufgehoben wird, darf genutzt werden. Dass auch nur ein einziger Held spielbar ist, wurde ja bereits erwähnt. Das alles führt zu einem, verglichen mit den letzten Games, stark eingeschränktem Kampferlebnis.

 

Auch in der Erforschung wurde reduziert. Der Hotel- und der sogenannte Champion-Bezirk in Kamurocho, bisher immer erreichbar, sind wegen Bauarbeiten über das komplette Abenteuer hinweg nicht zugänglich. Das macht den Eindruck, als sei aufgrund von Zeitdrucks Kamurochos Größe reduziert worden.
 

Auch den Beschäftigungsmöglichkeiten merkt man das an. Die Bowlingbahn gibt es nicht mehr, sie wurde aber zumindest durch ein Firness-Studio ersetzt. Billard wurde im Hotelbezirk gespielt und ist mit ihm nicht mehr vorhanden. Von den zwei bekannten Cabaret Clubs ist nur noch einer übrig. Und selbst bei den Supermärkten gibt es nur noch Poppo, während der ehemalige M-Store eine verlassene Immobilie ist. Das Dartspiel ist vorhanden, allerdings spielerisch von der intuitiven alten Variante hin zu einer komplizierteren, und offen gesagt unspaßigen Version abgeändert worden. Dafür gibt es in den Club SEGA Spielhallen nun mit YAKUZA_6_nexgam_03Puyo Puyo und Virtua Fighter 5 Final Showdown zwei ziemlich moderne Hits zu spielen. Im Internet-Café darf Kiryu zudem in einem witzigen, aber äußerst simplen Minispiel mit zwei heißen Camgirls chatten und sie zum strippen bewegen. Diese Ladies präsentieren sich dabei nicht in Spielgrafik, sondern als Video realer Darstellerinnen, dass entsprechend Kiryuos Erfolg oder Misserfolg anders weitergeht.

 

Wie kommt es zu all den Einschnitten? Die Antwort liegt in der Technik. War bislang immer auf derselben Engine aufgebaut , und nur einzelne Elemente wie die Grafik ereuert worden, so ist die Dragon Engine in Yakuza 6 von Grund auf neu. Ein notwendiger Schritt für die Zukunft, aber dadurch sind all die Elemente, die in der alten Engine realisiert waren und leicht in neue Teile implementiert werden konnten, erst mal weg und müssen von Grund auf neu geschrieben werden. Vom bloßen Aufbau der Spielwelt bis zu den Minigames, alles benötigte eine Neuentwicklung von Grund auf. Diese Masse an Content war offenbar zu viel, um direkt im ersten Spiel mit der neuen Technologie realisiert zu werden.

 

Insgesamt wirkt Yakuza 6 verglichen mit anderen Serienteilen aber vom spielerischen Inhalt her wie ein deutlicher Rückschritt. Also alles schlecht? Mitnichten.

 

YAKUZA_6_nexgam_08Denn die Stärke von Yakuza 6 liegt mehr als sonst in der Handlung. Das ganze Abenteuer fühlt sich etwas menschlicher an als sonst. Kiryu ist ernsthaft besorgt um die komatöse Haruka, und die Suche nach dem Kindsvater und dem Übeltäter ist emotional. Die Charaktere, denen er dabei begegnet, sind meistens interessanter und etwas realer als die Karikaturen anderer Teile. Und man hat wirklich, wenn der Abspann über den Bildschirm flimmert, das Gefühl, Kiryus Geschichte hat ein gutes Ende gefunden. Selbst Nebenquests versuchen ein wenig die Handlungsbögen all der Nebenfiguren, denen Kiryu und seine Freunde im Laufe der Jahre über den Weg gelaufen sind, zu beenden. Der Sektenführer Suzuki aus Yakuza Zero, der gealterte Pocket Circuit Fighter, dem nun ein Tofu-Geschäft gehört … auch ihre Stories enden.
 

Wer fehlt, und das erstaunt: Majima. Nach dem nervtötenden Overkill an Majima-Begegnungen in Yakuza Kiwami gibt es hier das Gegenteil. Der beliebte Rivale ist nur im Intro und im Abspann zu sehen, ansonsten gibt  es keine Begegnungen.

 

Technisch besticht Yakuza 6 dank der neuen Engine mit einem merklich erhöhten Detailgrad. Die Texturen sind sehr gut, und die sehr realistischen Gesichter lassen die Grenzen zwischen Cutscene und Spielgrafik wirklich verschwimmen. Noch dazu wird praktisch jede der beiden Städte inklusive Innenräume komplett ohne Ladezeiten gestreamt. Leider führtYAKUZA_6_nexgam_06 dies in Kamurocho manchmal zu Framerateeinbrüchen. Erheblicher ist aber ein sehr starkes und störendes Tearing, welches häufig in Tokyos Rotlichtviertel auftritt. Im beschaulicheren Hiroshima, wo weniger los ist, ist davon selten etwas zu merken. Die Sprachausgabe ist wieder in japanisch. Ganz neu ist aber, dass diesmal wirklich alle Texte synchronisiert sind. Waren in der Vergangenheit Nebenquests rein textbasiert, so bieten sie nun volle Sprachausgabe, Kamerafahrten und alles.

 

 

 

 

 

 

Daniel meint:

Daniel

Yakuza 6 ist wie gewohnt ein sehr gutes Spiel. Die Geschichte ist mit Sicherheit eine der spannensten und nachvollziehbarsten der Reihe, mit relativ wenig überzeichneten Karikaturen. Der Wechsel auf eine ganz neue Engine bringt allerdings, was die Auswahl an Bonusinhalten angeht, Nachteile mit sich. Was früher von Teil zu Teil weiter verwendet und ausgebaut wurde, muß nun von Grund auf neu programmiert werden. Und hier ist es SEGA nicht gelungen, beim ersten Dragon-Engine-Game dieselbe Vielfalt zu bieten, wie vergangene Teile. Dennoch für Fans ein absolutes Must-have!

Positiv

  • Sehr detaillierte Grafik
  • Fließene Übergänge von der Straße ins Innere
  • Tolle Story

Negativ

  • Starkes Tearing
  • Viele bekannte Nebenbeschäftigungen fehlen
  • Kampfsystem vereinfacht
Userwertung
8.2 3 Stimmen
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Forum
  • von CD-i:

    Is dann wohl persönliches Pech. Ich persönlich war nie Bowlen, Billard spielen oder Darten. Maximal Hostessen noch daten, das geht ja noch. Auch wenn das Kartensystem ein bisschen lame ist. Fitnessstudio is auch lustig, Katzen sammeln auch. Nur das lahme Battling Cage ist noch da. Pocket Racer...

  • von 108 Sterne:

    Das Kampfsystem hat für mich sehr stark gelitten, ich habe es geliebt zwischen den Stilen zu wechseln. Außerdem sind halt meine liebsten Freizeitbeschäftigungen abseits der Spielhalle wegrationalisiert worden. Bowling, Billard und Darts. Ja, Darts sind noch da, aber komplett verändert. Wo ich...

  • von CD-i:

    Bin ja auch schon gute 30 Stunden dabei und bin sehr, sehr angetan. Nahezu alle Änderungen tun dem Spiel gut. Es ist viel weniger "Drumherum", aber dadurch auch gut entschlackt. Waffen craften und son Kram hat eh kaum einer wirklich gemacht. Die neuen Minigamaes wie Clan Creator,...

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