Assassins Creed Valhalla - Morgen speisen wir an Odins Seite

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Die neue Konsolengeneration ist endlich da und beschert uns mit ganzen zwei Ubisoft Titeln sowohl auf der PS5 als auch auf der Xbox Series X einen Hauch von Next-Gen Feeling. Sei es einerseits, um erste Einblicke in die neue technische Spielerei des Ray-Tracing zu erhalten. Oder wie im Fall von Assassins Creed Valhalla ebenfalls auf einer Konsole ein Triple A Game in 4K und stabilen 60 FPS erleben zu dürfen. Was lange Zeit nur PC-Spielern vorbehalten war, nimmt dank neuer Hardware Power nun ebenso bei Titeln wie einem Assassins Creed für Konsoleros Formen an. Gerade im Vergleich zu seinem direkten Vorgänger. Ob es auch spielerisch hinhaut? 
 

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Fangen wir ganz vorne an. Assassins Creed Valhalla entführt uns nach Englaland, und ja, das ist kein Tippfehler. Auf dem Boden des heutigen Britanniens erleben wir nach einer kurzen Einleitung die Abenteuer von Eivor zur Blütezeit der Wikinger in eben Englaland. Dabei kommt nicht nur einmal ein Vikings-Feeling auf, aber dazu gleich mehr. Eivor, auch Wolfsmal genannt, ist der Bruder Sigurds vom Rabenclan. Diese möchte sich auf britischem Boden ein neues zu Hause mit treuen Wikingern seines Clans aufbauen, nachdem sein Vater das Knie vor König Harald gebeugt hat und so dem Prinzen seinen rechtmäßigen Thron absprach. 
 
Eivor, der in meinem Fall männlich, aber auch genauso gut weiblich sein kann, nimmt als Hauptfigur die zentrale Rolle innerhalb der Handlung ein. Wobei der Plot, ohne zu viel zu spoilern, über lange Strecken sehr schwammig bleibt. Das obere Ziel ist der Aufbau der Siedlung und das Schließen von Bündnissen, dabei erleben wir dann verschiedene Sagen, die mit interessanten Charakteren und schönen Geschichten aufwarten. Leider fehlt durch den diffusen Oberplot der rote Faden. Es ist zwar eine nette Idee, den klassischen Racheplot auf ein Minimum zu reduzieren, um dann eine recht glaubhafte Darstellung eines jungen Wikingerclans darzustellen, die sich auf in eine neue Welt aufmachen wollen. 
 
Die Prophezeiung, die Eivor recht früh von der Seherin zu Gesicht bekommt, sowie die Anspielungen mancher Charaktere geben zwar schon anfangs immer wieder Hinweise, was passieren könnte, es bleibt aber viel zu lange im Nebel verschleiert. Das liegt mitunter auch an den eben angesprochenen Sagen, die teils wirklich tolle Geschichten erzählen. Um nochmal den Bezug zur Fernsehserie Vikings herzustellen, können wir direkt zu Beginn in Englaland die Brüder Ivar und Ubba kennenlernen. Kenner der Serie erkennen sofort, dass wir es hier mit den Söhnen von Ragnar Lothbrok zu tun bekommen. Gerade Ivar ist so herrlich Irre und doch gleichzeitig sympathisch geschrieben, dass man jeden Dialog mit ihm genießt. 
 
Und so besteht Valhalla zum Großteil aus Storykapiteln, die für sich genommen nette kleine Geschichten erzählen, den Hauptplot aber nur passiv weiter vorantreiben. So gibt es zum Beispiel eine sehr coole Traumsequenz, die sich ebenfalls über mehrere Stunden ziehen kann, je nachdem wie viel Zeit man ihr einräumt. Diese scheint völlig optional zu sein, zieht einen sogar noch weiter raus aus der eigenen Handlung, und trotzdem möchte ich sie nicht missen. 
 

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Spielerisch zeichnet sich diese Art des Storytellings ebenfalls wieder. Abseits der Sagen, die wir absolvieren, um Bündnisse zu schließen und eben unsere Siedlung zu vergrößern, sind wir als guter Wikinger meistens damit beschäftigt, Klöster und Militärlager zu plündern. Das Plünderungsfeature ist ja zusammen mit dem Aufbau der Ansiedlung das Alleinstellungsmerkmal. Das macht auch insgesamt echt viel Spaß, wird allerdings ebenso früh repetitiv. Außerdem macht es das lautlose Vorgehen fast immer obsolet, denn mal eben mit dem Schiff einen Angriff starten geht viel schneller und einfacher als das Auskundschaften und schleichen in die Lager. Daher macht man das nahezu nur noch in Missionen, wo speziell ein leises Eindringen gefordert ist. Doch auch hier mündet es meistens dann in einem offenen Schlagabtausch.
 
Im Gegensatz zu Odyssey fühlt sich das Kampfsystem nun noch etwas Brachialer an, obwohl sich im Kern gar nicht so viel geändert hat. Stumpfes drauf hauen führt gerade bei den normalen Gegnern immer zum Sieg, die spezielleren Gegnertypen verlangen dann aber doch etwas mehr Taktik. Vor allem, weil wir nun mit einer Ausdaueranzeige aushalten und sich die Gesundheit außerhalb eines Konflikts nicht mehr selbstständig regeneriert, sondern wir stattdessen nach Beeren oder anderem Proviant Ausschau halten müssen. Das System hat ein großes Problem: Gerade in den größeren Schlachten läuft man gerne mal vor Gegnern weg auf der Suche nach einer Feuerstelle, wo man eventuell nochmal seine Gesundheit erneuern könnte. Das stört nicht nur den Spielfluss, es stört auch massiv die Immersion eines ehrenhaften Wikingers, der schnell mal vor einem Kampf davon läuft, um sich noch ein paar Beeren zu gönnen. 
 
Apropos Immersion: Wir spielen hier einen Wikinger auf Raubzug in England. Was Serien wie Vikings sehr krass darstellen mit Gewalt, Vergewaltigung und Sklavenhandel, beschränkt sich bei Valhalla nur auf einen Funken Gewaltsamkeit in den Kämpfen. Bei einer Plünderung bekommen wir zum Beispiel angezeigt, dass wir desynchronisiert werden, wenn wir unschuldige Zivilisten angreifen und töten. Hier hätte ich mir etwas mehr Mut von Ubisoft in der Darstellung der Wikinger gegönnt. Es muss ja nicht gleich ein Blutadler oder ein Missbrauchs-Minispiel sein, aber der Schrecken, der einhergeht mit so einem Wikingerüberfall, hat mir dann doch ein wenig gefehlt. Hier hätte das Medium Videospiel einen weiteren Schritt in Richtung anerkannter Kunstform gehen können, denn wir spielen hier weder Held noch Bösewicht. In so einem Szenario sollte es kein Schwarz und Weiß geben. Serien wie eben Vikings zeigen es doch ganz gut, dass es immer auf die Sichtweise ankommt. 
 
Assassins Creed Valhalla bleibt hier oft im Schatten, obwohl es an der einen oder anderen Stelle die Möglichkeit hätte und das auch andeutet, diesen einen Schritt zu wagen. Die Uneinigkeit, die sich in so einem Clan aufbaut, ist ja ebenfalls in dem Spiel allgegenwärtig. Und trotzdem, wenn das Dorf angegriffen wird, halten und kämpfen alle Seite an Seite zusammen, feiern Festmahle und machen Trinkwettbewerbe. Das gesamte Siedlungs-Feature, die Sagen, der schwammige Oberplot, alles sind sehr gute Ansätze und doch fühlt es sich nie so richtig zu Ende gedacht an. 
 

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Statt Level sammeln wir jetzt übrigens Stärkepunkte und neue Fähigkeiten lassen sich nun einerseits über einen Skilltree erlernen. Die Spezialmanöver lernen wir in Valhalla jedoch durch das Lesen von speziellen Büchern, die es in der offenen Welt (meist allerdings in Klöstern oder Militärlagern) zu finden gibt. Mit Loot zugeschüttet wird man übrigens ebenfalls nicht mehr. Stattdessen ist vor allem das Aufwerten der Bestehenden mit Materialien ein großer Aufgabenpunkt. 
 
Die Frage nach einem guten Assassins Creed stellt sich mir im Übrigen seit Origins kaum noch. So wie Odyssey ein tolles Action RPG im alten Griechenland war, so ist Valhalla ein schickes Action Feuerwerk mit RPG Elementen im Wikingersetting. Assassinen kommen zwar vor, und ähnlich zum Kultistensystem des Vorgängers ist es eine Aufgabe, die Templer in Englaland zu schwächen, aber auch das ist lange Zeit nur eine von vielen Nebenaufgaben, die uns das Spiel bietet. Es gibt übrigens wieder einen “Plot” außerhalb des Animus, doch der ist bis auf ein paar nette Sprachmemos von Desmond nicht der Rede wert. 
 
Technisch haben wir es hier mit dem wohl schönsten und gleichzeitig flüssigsten Assassins Creed zu tun. Zumindest, wenn man die passende Hardware hat. Während man auf der Xbox One X noch mit 4K und maximal auf 30 FPS gelockten Bildwiederholrate auskommen muss, erstrahlt das Wikingerabenteuer auf der Series X wenigstens bei mir mit stabilen 60 FPS und 4K. Einmal ein paar Spielstunden in Mercia verbracht, kommt einem ein Ausflug auf die Akropolis in Odyssey fast vor ein Ruckelkonzert. Hier hat man des Öfteren ja von Tearing Problemen auf manchen Fernsehern gehört, ich hatte mit meinem Setup aber wie gesagt keinerlei Schwierigkeiten. Einzig die Ubisoft typischen Bugs sind ein wenig negativ aufgefallen, doch auch hier hatte ich keinen Gamebreaker wie etwa ein kaputter Spielstand. Es waren eher die klassischen Fehler a la mal in einer Tür feststecken oder die seltsamen physikalischen Bewegungen von NPCs oder Schiffen. Nur einmal musste ich das Spiel neu starten, als nach dem Blasen eines Horns die zugehörige Sequenz nicht getriggert wurde und ich meine Figur nicht mehr bewegen konnte. 
 
Allerdings ist auch hier noch nicht alles Next-Gen Gold, das glänzt. Man merkt sehr deutlich, dass immer noch die AnvilNext Engine zum Einsatz kommt, die bereits für Assassins Creed 3 verwendet wurde. Die Landschaften sehen auf jeden Fall toll aus, aber gerade Charaktermodelle und teils die Animationen wirken ein wenig veraltet. Hier kann man hoffen, dass die großen Publisher bereits an einer neuen, verbesserten Engine arbeiten, die bald für neue Spiele zum Einsatz kommt. 
 
Insgesamt würde ich sagen, dass jeder, der Spaß an den Teilen nach dem Reboot, sprich Origins und Odyssey hatte, auch bei Valhalla viel Zeit hineinstecken kann. Das Wikingersetting macht trotz der Immersionsprobleme Spaß. Wir haben es hier grafisch definitiv mit dem hübschesten Assassins Creed zu tun. Spielerisch müssen eventuell die lautlosen Killer unter euch Abstriche machem, Valhalla möchte actionlastiger sein und schafft das auch in Teilen. Die Plünderungen wiederholen sich leider sehr schnell, laden jedoch durch die Ressourcen und besseren Loot oder neuen Fähigkeiten auf weitere Touren ein. 
 
 
 
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