Anthem: Wenn Befürchtungen wahr werden

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Noch nie hatte ich vor dem Release eines Games so gemischte Gefühle, wie bei Anthem. Ich wollte, dass der Titel ein Erfolg wird. Aber nicht, weil ich daran glaubte, sondern weil ich Angst hatte, was mit dem Entwickler BioWare geschehen würde, falls das Spiel ein Reinfall werden würde. Denn der Publisher Electronic Arts ist für vieles bekannt, nur nicht für Geduld.

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Bauschmerzen

Die wesentliche Ursache für meine Bauchschmerzen war die Tatsache, dass der Entwickler des Titels niemand Geringeres als Bioware ist. Ein Studio, das ich bisher mit Rollenspielen wie Mass Effect oder Dragon Age verbinde, statt mit Looter Shootern und Anthem Anthem ist einer. Das Game sollte also quasi ein Konkurrenzprodukt zu dem Bungie-Titel Destiny sein. Einem Spiel, das nach erheblichen Startschwierigkeiten seine treue Fangemeinschaft besitzt.
 
Keine guten Voraussetzungen. Leider wurde mein Bauchgefühl wahr. Denn Anthem ist kein Spiel, dass überzeugt. 
 

Die Hymne erklingt
Das Game findet in einer unbekannten Welt statt. Dies ist von der Hymne (Anthem) der Schöpfung geprägt, einer unermesslichen Energiequelle, die allerdings sehr instabil ist. Wiederholt sorgt sie dafür, dass die Welt sich verändert und Monster entstehen. Sogenannte Freelancer, Männer und Frauen, sorgen mit Hilfe ihrer fliegenden Rüstungen dafür, dass die Menschen in Ruhe leben können.

 

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Doch vor zwei Jahren versuchten sich die Freelancer an einer gewagten Operation und scheiterten. Seitdem sind ihre Zahl und das Vertrauen in sie erheblich reduziert. Du steuerst natürlich den Hauptcharakter, der sich schon bald dem Dominion gegenübersieht. Sie wollen die Macht der Hymne der Schöpfung für ihre eigenen Zwecke nutzen und sind dazu bereit, auch über Leichen zu gehen.


Wie sah er aus?

Zu Beginn des Games wird ausgewählt, wie die Figur aussieht, die gesteuert wird. Leider sind die Gestaltungsmöglichkeiten längst nicht so umfangreich, wie bei der Mass Effect-Reihe. Es lässt sich zwischen jeder Menge vorbereiteter Gesichter entscheiden, doch sind diese nicht so umfangreich zu modifizieren, wie es aus anderen Bioware-Spielen bekannt ist. Immerhin lässt sich das noch verschmerzen, da im eigentlichen Gameplay das Antlitz des eigenen Charakters allerhöchstens für Sekundenbruchteile zu sehen ist und ansonsten überhaupt nicht.
 
Danach wird ein Tutorial gespielt, in dem man die grundlegende Steuerung kennenlernt. Gesteuert wird dabei der Ranger-Javelin, der als perfekter Durchschnitt angesehen werden kann. Nach dem Intro kann man sich entscheiden, welcher Javelin am Ende ausgewählt wird. Neben dem eben genannten Ranger stehen auch der Colossus, mit Fokus auf hohe Defensive, der Storm, der das Wetter kontrollieren kann und der Interceptor, der auf Stealth und Speed ausgerichtet ist, zur Verfügung. Die erste Wahl sollte wohl überlegt sein, denn ist sie ein Mal getroffen, ist es so schnell nicht möglich, sie wieder zu ändern. Dazu gilt es erst Level 6 zu erreichen, um den Nächsten zu selektieren.
 

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Iron Man lässt grüßen
Dabei sind die Javelins das Merkmal des Spiels. Und auch der Aspekt, der einem am meisten gefallen dürfte. Ganz so wie Marvels bekannter Superheld fliegen sie durch die Lüfte, durch eine vielfältige Gegend. Es ist nicht möglich, unbegrenzt lange in der Luft zu bleiben, denn irgendwann überhitzt der Antrieb. Abhilfe verschaffen da Wasserfälle, durch die man fliegen kann, oder Sturzflüge, die kurzfristig für Linderung sorgen.

 
Die Spielfigur befindet sich als Freelancer in dem Fort Tarsis und wird im Laufe des Games mit vielen verschiedenen Charakteren interagieren. Wer allerdings bei diesem Spiel eine ähnlich gute Story erwartet, wie die der Mass Effect-Trilogie, der wird enttäuscht sein. Die Geschichte ist nett, mehr aber auch nicht. Vor allem, weil das Gefühl herrscht, dass die Erzählung beeinflusst werden kann. So ist es zwar möglich, Dialogentscheidungen zu treffen. Doch haben die keine Auswirkungen auf das Gameplay, sondern sind nur ein nettes Gimmick.
 

Die Gruppe ruft
Eine Sache macht Anthem besser, als Destiny 1. Wichtige Informationen, die die Spielewelt ausbauen, werden nicht offline auf einer Website versteckt. Sondern lassen sich vielmehr im In-Game-Menü aufrufen. Dort finden sich dann alle Erklärungen und Dokumente, denen man im Laufe des Spiels so begegnet.

 

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Irgendwann treibt es einen nach draußen, wo es sich zu entscheiden gilt, ob man jetzt versucht, sich als Solospieler zu behaupten, oder lieber doch Teil einer Gruppe von bis zu vier Javelins wird. Gerade letzteres ist zu empfehlen, da dies am meisten Spaß macht. Gleichzeitig sind auch viele Kämpfe vor allem zu Beginn einfacher, da man als Einzelspieler teilweise doch hart zu knabbern hat, um überhaupt weiterzukommen. 
 

Blitz trifft Stealth, Ergebnis tödlich
Gleichwohl ist der Missionsablauf ziemlich eintönig. Es wird von A nach B geflogen, Feinde bekämpft, nach C weiter bewegt, wo wieder Gegner auftauchen, um zuguterletzt bei D anzukommen. Auch dort erwarten einen einige Kreaturen, die einem ans Leder wollen. Immerhin sind die Kämpfe actionreich und vor allem die Kombination verschiedener Javelins mit ihren jeweiligen Spezialitäten macht Laune. Etwa, wenn ein Colossus den meisten Schaden frisst, derweil der Storm Feinde einfriert und dann den Blitz vom Himmel holt, damit die so eingefrorenen Gegner gut Schaden fressen müssen.


Verbunden ist dies jedoch mit Warten. Wiederholt kommt es zu Ladezeiten. Etwa, wenn man vom Fort aus zu einer Mission aufbricht, wenn man stirbt und respawnt oder sogar, wenn man hinter der eigenen Gruppe zurückbleibt und so wieder nahe herangebracht wird. Immerhin fallen diese nicht mehr so extrem aus, wie noch bei Release von Anthem. Doch noch immer kann es passieren, dass man bis zu einer halben Minute warten darf, bis alles geladen ist.
 

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Diese Leere
Auch irritiert die Tatsache, dass, wenn man sich im freien Modus befindet, nur vier andere Spieler auf derselben Karte zu sehen sind. Wodurch die Welt auf ein Mal leer wirkt, von den Gegnern mal abgesehen. Des Weiteren gilt es zu bemängeln, dass es nicht möglich ist, Marker zu setzen, um sich besser zu orientieren. So kann es leicht passieren, dass man zurück zum Heimatstützpunkt möchte und sich verfranzt, weil eine Orientierung ohne ständig auf die Karte zu gucken, nicht möglich ist.

 
Negativer Höhepunkt ist allerdings das Endgame. Ehe das Finale erreicht wird, muss man an einem bestimmten Punkt des Spiels Grinden. Es gilt gewisse Voraussetzungen zu erfüllen, die wiederum in diverse Untervoraussetzungen gegliedert sind. An diesem Punkt kommt das Gameplay zu einem kompletten Stillstand und der Fortschritt geschieht bis aufs Weitere nur im Schneckentempo. Verstärkt wird dies durch die Tatsache, dass sich wichtiges Loot in Form der bekannten seltenen Gegenstände rar macht. Die Droprate ist dabei selbst für einen Looter Shooter, wie es eben Anthem ist, lachhaft! 
 

Lass mich raten, Nebenfigur!
Grafisch hinterlässt das Game einen zwiespältigen Eindruck. Es sieht einerseits, besonders wenn auf der Xbox One X gespielt wird, opulent aus, mit einer vielfältigen Landschaft. Auch die Hauptcharaktere wirken gut animiert und überzeugend. Doch dann trifft man auf die Nebenfiguren, bei denen zu merken ist, dass sich hier keine wirkliche Mühe gegeben wurde. Die Animationen wirken limitiert und das Aussehen längst nicht so detailliert, wie es im Prinzip zu erwarten wäre.

 

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Dafür ist die Synchroarbeit sehr gut geworden. Die Sprecher machen alle einen guten Job. Der Soundtrack ist, wie von Bioware nicht anders gewohnt, hervorragend!
 
Anthem ist jetzt kein totaler Reinfall, dafür hat es durchaus gute Aspekte zu bieten. Aber es ist auch nicht der Überflieger. Im Prinzip herrscht hier der Eindruck, das Bioware versucht hat, ein Game zu entwickeln, welches nicht Teil seiner DNA ist. Mit dem zu erwartendem Ausgang. Da es sich hierbei um ein Game-As-A-Service handelt, wird es vermutlich in den kommenden Monaten zu diversen Patches kommen, die das Gameplay verbessern und Mankos beheben. Falls nicht etwas Unschönes vorher geschieht.
 

Forum
  • von 108 Sterne:

    Der Zero Punctuation Review ist micht unähnlich. EA wollte was wie Destiny, und Bioware musste eben in den sauren Apfel beißen und etwas entwickeln, was wie Civilization meint nicht wirklich in ihrer DNA ist. ...

  • von Azazel:

    Ist es gut, schlecht oder doch nur Mittelmaß? @Civilisation hat es für euch getestet! Nexgam schrieb: Noch nie hatte ich vor dem Release eines Games so gemischte Gefühle, wie bei Anthem. Ich wollte, dass der Titel ein Erfolg wird....

  • von vaddi:

    Zurecht^^

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