Dragon Quest XI S: Streiter des Schicksals - Definitive Edition im Test

JRPGs mit gewaltigem Umfang, hoher technischer Güte und dennoch klassischem Gameplay ... kann es sowas heutzutage noch geben? Dragon Quest XI beweist, dass es möglich ist ...

dq11s_nexgam_03Dragon Quest. Im Westen eher eine Nischenerscheinung, ist Square Enix Traditionsreihe in Japan die kultigste Rollenspielreihe überhaupt. So erfolgreich Final Fantasy sein mag, seit über 30 Jahren spielt es dennoch zweite Geige hinter Yuji Horis Kreation. Allround-Highlight der Serie bisher war wohl Dragon Quest VIII, erschienen 2004 in Japan und 2006 in Europa. Hier kamen Detailverliebtheit und Tradition, die man von der Marke kennt, und denkwürdige Charaktere erstmals mit einer überwältigenden Technik zusammen. Dragon Quest IX setzte das allerdings nicht fort. Der Nintendo-DS-Exklusivtitel präsentierte sich hardwarebedingt massiv schlichter, und statt bewährtem Gameplay und charmanten Persönlichkeiten, setzte man auf seelenlose Spieler-Avatare und einen starken Multiplayer-Fokus. Zweifellos ein erfolgreiches Spiel, jedoch völlig anders als der Vorgänger. Dragon Quest X entfernte sich noch weiter, war es doch gar ein waschechtes MMORPG, das Nippon nie verließ.
 

Erst mit der Ankündigung von Dragon Quest XI schien Square Enix sich erneut auf die Qualitäten des achten Teils zu besinnen. Nach dem lange herbeigesehnten Release auf der PlayStation 4 (und nur in Japan in einer grafisch abgespeckten Fassung, dem 3DS) bekommt jetzt Nintendos Switch eine maßgeschneiderte Umsetzung. Grund genug für uns, das Epos genauer unter die Lupe zu nehmen und die Versionen ein wenig zu vergleichen.

Die Geschichte von Dragon Quest XI spielt in der Fantasy-Welt Erdria. Der (wie immer stumme) Protagonist des Spiels findet heraus, dass er der wiedergeborene Lichtbringer ist. Sein Schicksal ist es demnach, wie bei seinem Vorgänger vor Jahrhunderten, die Dunkelheit zu besiegen. Dumm nur, dass nicht jeder der Prophezeiung um den Lichtbringer Glauben schenkt. In der Tat machen es sich die Häscher des Königs von Heliodor zur Aufgabe, ihn als Unglücksbringer zu beseitigen. Unbeirrt davon macht sich unser Held auf eine Reise um die ganze Welt, um die Wahrheit seiner Bestimmung zu finden und dem Bösen den Garaus zu machen.

Das ist nur eine sehr kurze Zusammenfassung der grundlegenden Story. Die Handlung hat zahlreiche Irrungen und Wendungen, und weiß einen ein ums andere Mal zu überraschen. Mehr als einmal hat man als Spieler das Gefühl, auf das große Finale zuzusteuern, nur um anschließend nochmal mit zig weiteren Stunden Spielzeit verblüfft zu werden.

Spielerisch entspricht Dragon Quest XI weitestgehend den Klassikern der Serie, implementiert in ein überwältigendes technisches Gewand. Nach den etwas experimentelleren neunten und zehnten Inkarnationen ist dies ein klarer Schritt back to the roots. Und das ist gut so, war doch Dragon Quest generell meist eher eine klassischere Reihe, vor allem verglichen mit dem Hauptkonkurrenten Final Fantasy, die heute kaum noch Ähnlichkeit mit seinen Ursprüngen hat.

Eine großdq11s_nexgam_09e Welt voller abwechslungsreicher Landschaften, tiefer Dungeons und belebten Ortschaften darf erkundet werden. In Städten wimmelt es nur so von einer bunten Schar Bewohner; wer mag, kann sich lange darin verlieren sich mit jedem zu unterhalten und all die Häuser zu untersuchen. Schränke durchsuchen, Töpfe zerschlagen, Truhen öffnen ... nichts ist tabu. Keine Selbstverständlichkeit im Jahre 2019, wo japanische Genrevertreter häufig mit nicht interaktiven Statisten und Fassaden blenden.

Auf der Oberwelt und in Dungeons treiben sich allerhand lustig gestaltete Monster herum. Wie gewohnt zeichnet hier Dragonball-Schöpfer Akira Toriyama für die abgefahrenen Designs verantwortlich. Die Kreaturen sind jederzeit sichtbar, Zufallskämpfe gibt es also nicht. Wohl ist aber die genaue Zusammensetzung der Feindesschar eine Überraschung, denn man sieht nur einen Stellvertreter. Wenn dann in den Kampfbildschirm umgeblendet wird, mag es statt des einen vorher gesehenen Schleims vielleicht gleich drei Artgenossen und ein anderes Monster zu bekämpfen geben.

dq11s_nexgam_07Die Kämpfe sind altmodisch rundenbasiert, aber durch Kamerafahrten dynamischer gestaltet. Man darf sich im Kampfgebiet frei bewegen, dies ist jedoch nur reine Zierde. Angriffen ausweichen, indem man scheinbar außer Reichweite läuft, ist nicht. Daher kann man die freie Bewegung auch komplett deaktivieren und sich einfach auf die Wahl der menübasierten Kommandos konzentrieren. Bis zu vier Heroen gleichzeitig nehmen am Gefecht teil. Allerdings kann je nach Bedarf jederzeit unter Verlust eines Zuges eine Figur aus der Reserve eingetauscht werden. Wurden alle vier aktiven Recken überwältigt, so wird automatisch die zweite Garde aufs Schlachtfeld gerufen. Im Optimalfall lässt man es natürlich nicht so weit kommen, ist die Partyeinstellung doch wichtig. Denn: Anders als in manch anderem JRPG sind die Rollen der einzelnen Charaktere relativ strikt vordefiniert. Zwar kann ein jeder Held sich relativ frei auf verschiedene Skills spezialisieren, allerdings sind die Möglichkeiten begrenzt. So mag man zwar mit Ritter Hendrik aussuchen, ob man sich eher auf Beidhänder oder Äxte konzentriert, aber es ist nicht möglich, ihn zum Magier zu machen. Ebenso wird der alte Serena zwar als Heilerin oder Magierin wertvoll sein, allerdings niemals als Tank oder Damage Dealer besonders gute Dienste leisten. Eine falsche, unausgewogene Aufstellung kann im Kampf verheerend sein. Ein echtes Game Over gibt es freilich nicht. Denn in bester Serientradition wird einem beim Tod schlicht die Hälfte des Geldes weggenommen und man startet am letzten Speicherpunkt erneut.

dq11s_nexgam_06Wer genug Prügel einsteckt oder austeilt, der wird in einen Zustand erhöhter Konzentration versetzt. Für einige Runden richtet der betroffene Charakter mehr Schaden an, und je nach Partyzusammenstellung können sich nur in diesem Zustand gar mächtige Kombinationsangriffe ergeben.

Natürlich gibt es RPG-typische Levelaufstiege. Beim Aufstieg verdient man sich Talentpunkte, die wiederum in einer Art Skill-Tree je nach Charakter in verschiedene Fähigkeiten oder Attribute investiert werden dürfen.

Kommen wir zur Technik. Hier ist auch ein Vergleich der aktuellen Switch-Version zur PlayStation-4-Fassung angebracht, denn es existieren einige Unterschiede. Kern des Spiels ist der 3D Modus. Hier wird eine große, offene Welt in detailreicher Echtzeit-3D-Grafik präsentiert. Anders als bspw. in Skyrim gibt es zwar klare Schnitte, wenn man neue Areale betritt, die Welt ist also nicht wirklich komplett aus einem Guss ... aber die Landschaften sind weitläufig und herrlich anzusehen.

Im direkten Vergleich musste hier auf der Switch verglichen mit der PS4 klare Einschnitte gemacht werden. Die Grafik sieht zwar immer noch sehr gut aus und gleicht der Sony-Variante auf den ersten Blick, bei näherer Betrachtung aber werden Unterschiede offenbar. Die 3D Konstrukte wurden in ihrer Polygonzahl vereinfacht und manches wirkt dadurch kantiger. Viele Echtzeit-Lichteffekte fehlen oder sind reduziert worden. Deutlich weniger Gräser und Sträucher schmücken die Natur. Texturen sind oft niedriger aufgelöst. Und Details wie diese, oder auch NPCs und Effekte bauen sich deutlich später auf und tauchen daher in Sichtweite aus dem Nichts auf. In der Bewegung kann das sehr auffällig sein. Außerdem wurde die Auflösung im Docked-Modus auf nur 720p reduziert, portabel spielt man noch niedriger aufgelöst.

Aber: eine 1:1 Umsetzung war hier nie eine realistische Erwartung. Selbst die Standard-PS4 hat mit diesem Spiel auf Basis der Unreal Engine 4 zu kämpfen und erreicht keine nativen 1080p, sondern nur 900. Im Angesicht dessen stellt sich diese Umsetzung als kleines Wunder heraus. Denn die Einschnitte sind so sorgfältig abgewägt, dass sie vielen Spielern kaum auffallen werden. Anders als bei manch anderem Port eines großen« Games hat man es hier auch nicht mit einem verschwommenen Bild auf der Switch zu tun. Zwar mag es nicht ganz so knackscharf sein wie auf der PS4, aber immer noch weit klarer als bei Doom oder The Witcher 3. Vor allem, wenn man im Handheld-Modus spielt wirkt Dragon Quest XI S wunderschön. Zum Vergleich finden sich zwei Bilder identischer Szenen beider Konsolen in unserer Galerie.

Von den grafischen Einschränkungen abgesehen ist die Switch-Version in vielerlei Hinsicht sogar verbessert worden. Allem voran ist hier die Musik zu erwähnen. Auf der PS4 wurde eine sehr gute Chipmusik geboten. Da gab es bereits im Vorfeld viel Gezeter, hoffte man doch wie bei Teil 8 auf eine orchestrale Option für die westliche Fassung gehofft, aber das Ergebnis war nichtsdestotrotz gut. Auf der Switch darf man jetzt tatsächlich orchestrale Arrangements der Tracks genießen; und wer die Chip-Musik vorzieht, dem steht optional der PS4-Soundtrack weiterhin zur Verfügung.

 

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Retro-Fans freuen sich zudem über die Integration des 2D-Modus. Dieser war bislang den 3DS-Spielern vorbehalten geblieben. Square Enix hat tatsächlich das komplette Dragon Quest XI drei Mal entwickelt: Im aufwändigen 3D, in einer schlichteren 3D Variante (3DS only), und in Pixeloptik im 16-Bit-Stil. Während der einfachere Polygon-Stil der 3DS-Fassung leider nicht umgesetzt wurde, macht doch der Pixel-Modus Dragon Quest XI S selbst für Veteranen der PS4-Fassung erneut zu einem neuen Erlebnis. Hier wird sehr akkurat de Optik auf Niveau eines Dragon Quest VI oder Dragon Quest III Remake auf dem SNES nachgeahmt; ergänzt um den Vorzug der Widescreen Optik. Dabei entspricht der 2D-Modus nicht 100% dem 3D-Pendant. Es ist vermutlich einfach den begrenzten Möglichkeiten auf einer zweidimensionalen Karte aus der Vogelperspektive geschuldet, dass sich das Map-Layout teilweise unterscheidet. Wege von Ort zu Ort erscheinen zudem kürzer, weil hier ganz klassisch in einer verkleinerten Oberwelt von Handlungsort zu Handlungsort marschiert wird anstatt die gesamte Spielwelt wie in 3D im Maßstab 1:1 zu replizieren. Etwas unschön wirken nur die Textboxen, die im pixeligen 2D Modus mit ihren hochauflösenden Buchstaben die Retro-Illusion stören, und dass es keinen SNES-mäßigen Soundtrack gibt. Insgesamt dennoch ein Feature, welches den Wiederspielwert deutlich erhöht.

Aber Achtung: Anders als in manchen modernen Remakes und Remastes, welche einem auf Knopfdruck jederzeit den Wechsel zwischen Retro und moderner Grafik ermöglichen ist dies bei Dragon Quest eingeschränkter. Man kann nur in der Kirche, und nur zu bestimmten Zeitpunkten in den Modus wechseln. Hat man eventuell schon einiges im aktuellen Abschnitt erledigt und möchte in 2D weiterzocken, so muss man am Anfang des aktuellen Kapitels wieder neu starten. Auch das ist wahrscheinlich den spielerischen Unterschieden zwischen beiden Modi geschuldet; ein fließender Übergang zu jeder Zeit wäre hier unmöglich. Leider schränkt das die Motivation häufiger zu wechseln aber ebenso gehörig ein.

Weitere Vorzüge der Switch-Fassung: Die Ladezeiten sind ein gutes Stück kürzer als auf der PS4. Zudem gibt es Komfortfunktionen wie das Überspringen von Zwischensequenzen oder das Beschleunigen der Kampfgeschwindigkeit. Wer partout nichts mit englischer Sprachausgabe anfangen kann, der darf ebenfalls auf japanisch umschalten. In der Tat ist das dann aber nicht der von Verfechtern fernöstlicher Sprecher viel beschworene »O-Ton«, denn Dragon Quest XI erschien in Nippon ursprünglich völlig ohne Voice Overs. Erst für die westliche PS4-Fassung wurden überhaupt Sprecher engagiert, und jetzt für den Switch-Port erstmals auch japanische. Auf deutsche Synchronisation muss allerdings verzichtet werden. Zudem sind nur Cutscenes derart vertont. Plaudereien in Städten oder mit Freunden am Lagerfeuer bleiben stumm.

Auch inhaltlich gibt es einige Erweiterungen. Ein paar neue Szenen beleuchten die Charaktere etwas näher und dürften noch einige Spielstunden zum Mammutwerk hinzufügen.

 

Besonderes Lob verdient erneut die deutsche Lokalisation. Keine andere Rollenspielreihe profitiert so sehr von einer liebevoll-lustigen Übersetzung wie Dragon Quest, und der elfte Teil bildet hier keine Ausnahme. Sämtliche Dialoge und Namen sind sorgfältig eingedeutscht und erfreuen mit pfiffigen Wortspielen und jeder Menge Charme.

dq11s_nexgam_10Dragon Quest XI ist ein episches Meisterwerk, egal auf welcher Konsole. Was den Umfang angeht, und die Qualität des Contents bis zuletzt dürfte es an der absoluten Genrespitze stehen. Wo andere Rollenspiele enden, da kommt Dragon Quest XI erst richtig in die Gänge. Selbst, nachdem der Abspann gelaufen ist, geht die Hauptstory des Spiels noch im vollen Umfang weiter. Anders als bei anderen Genrevertetern ist der Post Game Inhalt hier nämlich nicht irgendein aufgesetztes Grinden um zusammenhangslose Extrabosse zu bezwingen. Nein, all die optionalen Feinde und Herausforderungen nach den Credits sind vollwertig in die Handlung integriert, und nur wer all das erledigt kann das wahre Böse konfrontieren und die Geschichte tatsächlich zu Ende bringen. Weniger als 100 bis 130 Stunden sollte man da nicht einplanen; das Spiel täuscht einem mehrfach ein Ende vor, nur um dann weiterzugehen. Dabei bleibt es jederzeit motivierend.

 

Dragon Quest XI S ist die beste Verschmelzung geliebter und heutzutage oft vergessener JRPG-Konventionen, mit modernen Features und unvergleichlichem Umfang. Hier wird das Genre zelebriert, wie nirgendwo anders.

 

 


 

Daniel meint:

Daniel

Ich habe Dragon Quest XI bereits auf der PS4 durchgespielt. Und jetzt auf der Switch macht es dank all der Neuerungen erneut großen Spaß. Das Genre der JRPGs wandelte sich stark, und manch einer mag die Klassiker für zu veraltet halten, um heute noch zu funktionieren. Dieses Meisterwerk zeigt jedoch, wie man die liebgewonnen, klassischen Aspekte perfekt in ein moderndes Spiel übertragen und der gesamten Konkurrenz ein Schnippchen schlagen kann. Die Grafik ist etwas schwächer, aber selbst für Besitzer der PS4-Fassung kann sich die Switch-Version dank der Updates lohnen! Ein nahezu perfektes JRPG. Uneingeschränkt empfehlenswert!

Positiv

  • Enormer Umfang
  • 2D- und 3D-Modus wie unterschiedliche Spiele
  • Technisch eines der besten Switch-Spiele

Negativ

  • Grafik nicht ganz auf Niveau der PS4-Version
  • Wechsel zwischen 2D- und 3D-Modus nur eingeschränkt möglich
Userwertung
9.5 3 Stimmen
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Forum
  • von Envy:

    Nach 80h habe ich Akt 2 beendet inkl. aller Nebenmissionen (und alle, die bis dato in Ticklingen möglich sind) sowie jedes Monster aus der Monsterliste mindestens einmal besiegt. Bin jetzt gespannt wie es weitergeht. ...

  • von PatrickF27:

    Ich hab da auch optisch überhaupt kein Problem mit, mich nerven da eher fehlende QOL Dinge wie Quest marker, Save everywhere und so Dinge, wo man gerade von Falcom in den letzten Jahren extrem verwöhnt wurde. Aber auch das ist nicht so schlimm, gute Spiele bleiben gut, hab mich ja schon in diesem...

  • von 108 Sterne:

    Suikoden 1 war schon damals nicht gerade hübsch. Suikoden 2 andererseits ist eines der schicksten Pixel RPGs überhaupt, und das würde ich sicher noch heute verschlingen wie damals. Nicht, dass es mit DQXI Technik nicht noch besser wäre... Aber ne richtig gute Pixelgrafik und richtig guter Inhalt...

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