Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise im Test

Für mich und für viele andere war Red Seeds Profile ein Ausnahmespiel, als es 2010 für die Xbox 360 erschien. Neben Dark Souls stach für mich kaum ein Titel aus der siebenten Konsolengeneration so heraus, wie Swerys Ermittlerepos. Wegen technischer Schwächen und ungewöhnlicher Erzählweise wurde es häufig voreilig als Trash abgetan, obgleich es für seine Detailverliebtheit, seine Musik, die beispiellose Atmosphäre und so vieles anderes echte und tiefe Bewunderung verdient. Dabei hätte Deadly Premonition, wie es im Westen heißt, durch nichts für mich besser machen können; oder nur in Details. All die Ecken und Kanten leisteten ihren Teil, hier eine umso mehr eigentümlichere Erfahrung zu schaffen. Eine glatte »zehn von zehn». Dank eines emotional in schwindelerregende Höhen getriebenen Endes hätte die Geschichte um die Kleinstadt Greenvale stimmungsvoll und befriedigend nach diesem einen Spiel auch abgeschlossen werden können. Durch die vielen offenen Fragen blieb aber sowohl für die Zukunft, wie ebenfalls vor allem für die Vergangenheit noch eine Menge Raum für weitere gut erzählte Stories. Und einen Teil dieses Raumes wird nach zehn Jahren nun endlich ausgefüllt. Genug Zeit verging, um DP ausreichend wirken gelassen zu haben und nun mit A Blessing in Disguise erneut an der Seite von FBI-Agent Francis York Morgan düstere und obskure Fälle zu lösen.

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Schon im letzten Jahr wurden Switch-Spieler mit DP Origins, einer überarbeiteten Fassung des Erstlings, auf den aktuellen Stand gebracht. Die Hoffnung, eine optimierte Variante der 360-Version zu bekommen, zerschlug sich jedoch und ließ die Originalentwicklung weiterhin als Referenz zurück, während der Directors Cut von 2013 unter einer schwankenden Bildrate litt. Für PS3-Besitzer damals eine gewohnte Situation. Ein schlechtes Omen also auch für A Blessing in Disguise? Leider ja. Lange Ladezeiten und Bildwiederholungsraten von gerade noch ok bis sehr niedrig machen sich immerwährend bemerkbar und zehren durchaus am Spielvergnügen. Dazu gesellen sich obendrein Bildaussetzer in offenem Gelände oder wenn man auf eine Kiste feuert, bevor sie zerspringt. Tatsächlich ruckelt sogar der Abspann am Ende des Spiels. Durch den langsamen Spielablauf kann man sich aber doch fast daran gewöhnen. Kleine Patches seit Erscheinen haben auch diese Punkte adressiert, ohne die Situation jedoch in ausreichendem Umfang zu verändern.
 

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DP2 entspricht in den grundlegenden Zügen seinem Vorgänger und ist damit selbst nach zehn Jahren das einzige Spiel, mit dem man in eine ähnliche Welt abtauchen kann. Die Hauptattraktion ist weiterhin der passionierte Raucher und Kaffeetrinker York, der mit seiner abgeklärten, unübersehbar-skurrilen Art sich auszudrücken und die Ermittlung anzugehen seines Gleichen sucht. Erneut (englisch) vertont vom hervorragenden Jeff Kramer, dessen Gespräche mit den Einwohnern der Stadt (oder natürlich mit sich selbst) auch zeitlich den Großteil der Spielzeit einnehmen. Darüber hinaus wird Ermittlungsort Le Carre in minimalistischer Open World-Manier inklusive Tag-/Nacht-Wechsel erforscht. Passend dazu mit Sättigungsstatus, Bartwuchs und Geruchsentwicklung. Neben der Haupthandlung gibt es wieder ein paar Nebenaufgaben, die leider nicht immer sonderlich spannend sind. Aber auch mit diversen Minispielen lässt sich die Zeit vertreiben. Wenn man sich nicht durch Ruckler und oder die manchmal ungünstige Steuerung ausgelöste Ernüchterung dann doch lieber dem nächsten Hauptziel widmet. Weder mit modernen noch mit vielen klassischen Spielen mit offener Welt kann sich DP2 messen, wenn es um ihre Interaktionsmöglichkeiten geht. Die meisten Türen sind verschlossen und nur sehr wenige Menschen können angesprochen werden und oft nur zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte. Unterbrochen wird dieser Spielablauf von Abschnitten in der Anderswelt, in der ihr euch mit Feuergewalt gegen düstere Schattenwesen zur Wehr setzen müsst. Aber auch in diesem Teilgebiet wird der Genre-Durchschnitt deutlich verfehlt. Eher sind es die immer wieder überraschend, clever und witzig verlaufenden Dialoge, die einen bei der Stange halten.
 

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Im Intro präsentiert sich DP2 beinahe wie ein Adventure mit beschränkter Interaktionsmöglichkeit. Zusammen mit dem dezenten Cell Shading Effekt, den wir schon aus Swerys »Dark Dreams dont die« kennen, werden gar Erinnerungen an Tell Tale-Titel wach. Doch ehe wir es uns versehen, finden wir uns in einem bekannten Szenario wieder. Obwohl die Südstaatenkleinstadt Le Carre weitaus freundlicher und weniger abgeschieden wirkt als das bedrückende Greenvale. Typische Francis York Morgan-Gespräche, vertraute Melodien sowie eine schnell bizarr werdende Ermittlung begegnen uns bereits im ersten Kapitel und jagen dem lang wartengelassenen Fan wohlige Schauer über den Rücken.
 
Das neue technische Grundgerüst ist dem des Erstlings in einigen Punkten überlegen. Die Beleuchtung funktioniert vielerorts und vor allem an den Charakteren besser und generell sehen die Gesichter professioneller aus. Zu beobachten sind außerdem grellere Farben, teilweise aufwändigere Umgebungen und mancher modernere Grafikeffekte. Insbesondere die Abmischung von Musik, Effekten und Stimmen gibt dieses Mal keinen Anlass zur Kritik. Vielleicht der klarste Vorteil gegenüber dem Erstling. Technisch und spielerisch bleibt aber auch dieses Deadly Premonition wieder hinter dem Konsolendurchschnitt zurück. Was ich auf der 360 nicht schlimm fand, wird hier allerdings durch die Ladezeiten und die Bildrate zu einem größeren Makel. Auffallend lang lädt vor allem die offene Welt. Hausbesichtigungen, nur um zu schauen, ob etwas übersehen wurde, sollten also gut überlegt werden.
 

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Doch auch unabhängig von der Technik gelang es A Blessing in Disguise nicht, mich genauso in seinen Bann zu ziehen, wie es sein Vorgänger vermochte. Es fehlen die düsteren, vom Rest der Welt abschottenden Wälder, der Regen, die argwöhnischen Bewohner und die sich nur selten aus ihrer gemeinschaftlichen Blässe herauswagenden Farben. Im Süden herrscht eine andere Stimmung, was auch über flottere, anregendere Musikstücke unterstrichen wird. Zudem ist Le Carre geographisch sehr flach und wie der Name schon andeutet komplett quadratisch. Sie lädt damit kaum zum Erforschen ein und jede Fahrt zu einem Zielort ist wegen des Schachbrettmusters mit einem einzigen Abbiegen zu erreichen. Na gut, wegen des zentralen Flusses benötigt man selten auch zwei Kreuzungen. Es ist immer sonnig und klar, weshalb es theoretisch eine unbegrenzte Weitsicht über den öden Süden gibt, was mit massiv heruntergerechnetem Blattwerk der Bäume und besagtem Ruckeln quittiert wird. Greenvale hingegangen hatte einen glaubwürdig gewachsenen Aufbau und durch seine Hügel und den angrenzenden Wald und die Berge war der Ort sehr viel eindringlicher, unheimlicher und einfach interessanter. Zusätzlich waren die meisten Innenräume größer und komplexer. Kleine, aber in der Gesamtheit ebenso wichtigere Punkte, zehren außerdem am möglichen Potential. So ist die Welt fast immer mit Markierungen übersät, die Interaktionsmöglichkeiten, das nächste Ziel oder Gegenstände anzeigen und damit stark an der Atmosphäre kratzen. Auch, da die Karte und eure Statusleisten mehr Raum als bisher einnehmen und nach jeder abgeschlossenen Aufgabe ein »Mission erfüllt» oder »nächste Mission gestartet» eingeblendet wird, fällt ein Eintauchen in Handlung und Welt schwer. Das wurde im Vorgänger einfach eleganter gelöst. Und warum sind übernatürliche Erscheinungen in Rot oder Blau getaucht. Das sieht nicht nur etwas billig aus, es macht auch dem Allerletzten klar, welche Ereignisse wie zu deuten sind.
 

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Das muss alles nicht unbedingt ein Problem sein. Ein neues Kapitel sollte durchaus neue Wege einschlagen und andere Ideen verfolgen dürfen. Doch harmoniert diese Mischung so gut wie bisher? Für meinen Geschmack kommt der Ausgleich zwischen lockerer, unbeschwerter Stimmung mit tatsächlich brutalen und verstörenden Verbrechen weniger zustande. Es fehlte mir letztlich auch Ernsthaftigkeit, um richtig mitgerissen zu werden. Die Aufenthalte in der Anderswelt gehen diese Ausrichtung mit. Sie werden früh als von der Realität getrennt erklärt, womit die Chance vergeben wird, mystischer und schwerer durchschaubar zu wirken. Eure Widersacher dort bilden einen weitaus stärkeren Kontrast zur alltäglichen Welt, ohne unheimlicher zu sein. Ihr massenhaftes Auftauchen und deren schwache Angriffe passen dazu. Diese Kampfszenarien spielen sich etwas flotter, büßten aber jede Intensität ein, die die, zugegen monotonen, Kämpfe des Vorgängers noch ausstrahlen konnten. Erst recht dank der beinahe albern gestalteten Schattenwesen. Durch die grellen Farben und blumige Ausgestaltung der in Rot getauchten Korridore der Anderswelt bleibt auch hier der Grusel auf der Strecke. Besonders, da der Schwierigkeitsgrad so niedrig ist, dass kaum Konzentration notwendig ist. Ich hatte nur einen Bildschirmtod zu verzeichnen, der aber nicht einmal von Gegnern herbeigeführt wurde. Ressourcen wie Verbandszeug und Munition werden ebenso selten knapp, wie eure Finanzen. Dies macht das Spielelement um die Voodoo-Fetische fast überflüssig, mit denen sich Talente wie Waffenschaden oder Zielgenauigkeit verbessern lassen. Immerhin für Minispiele von welchen es wieder ein paar ins Spiel geschafft haben und euren fahrbaren Untersatz sind sie trotzdem sinnvoll.
 

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Leider muss auch festgehalten werden, dass die für DP so wichtigen Dialoge nicht so detailreich inszeniert sind, wie noch 2010. Es gibt weniger menschliche Regungen in Mimik und Gestik der Gesprächspartner, weniger tiefgründige Charaktere und schlicht weniger überhaupt relevante Personen, von denen die meisten zusätzlich kaum das gewohnte Niveau erreichen. Das bringt mich gleich zum nächsten Punkt.
 
Die wie das Intro aufgebauten Storysequenzen zwischen den Open World-Kapiteln sind der auffälligste Unterschied zum Vorgänger. Sie handeln 14 Jahre in der Zukunft und der Austausch über die von neuem aufgerollte Ermittlung zum Mord in Le Carre stellen immer wieder einen Ausgangspunkt für die eigentliche Handlung. Hier stehen die FBI-Agenten Aaliyah Davis und Simon Jones im Vordergrund, die sich vom ehemaligen Kollegen nähere Informationen erhoffen. Diese Kapitel bilden einen beträchtlichen Teil der Spielzeit und erlauben kaum Interaktion. Das wäre vertretbar gewesen, wenn Davis und Jones nicht so unhaltbar nervige und unglaubwürdige Gestalten wären. Neben eurem Orakel-Aufsager sicherlich die schwächsten Charaktere. Alle ihre flotten, witzigen oder coolen Sprüche wirken schrecklich gestellt und eindimensional. Peinlicherweise versucht das Spiel mehrmals darauf hinzudeuten, Aaliyah könnte ein neuer Titelheld neben oder statt York werden. Auch Morgans lobende Worte und wie sehr er von ihr beeindruckt zu sein scheint, erscheinen äußerst unglaubwürdig.
 

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Doch beim Spielgehalt wurde ebenfalls abgespeckt. Sowohl die Inszenierung wie die Abwechslung leiden am Fehlen der festen Kameraperspektiven, den Clock Tower Passagen oder anderen Auflockerungen. Vieles wirkt ungeschliffener und in kürzerer Zeit zusammengefügt. Stattdessen nahm das Verhörspiel mit Aaliyah und Simon einen großen Platz ein, an dem ich den wenigsten Spaß hatte.
 
Wer York-Neuland betritt, bekommt dennoch konsolenübergreifend eines der ungewöhnlichsten Spiele der letzten Jahre geliefert, was über rund 20 Stunden mit entspannter und unverbrauchter Ermittlungsarbeit unterhält, jedoch Gameplay-seitig nur auf Sparflamme kocht. Auch wenn die offene Welt nicht gerade überfüllt von spannenden Nebenschauplätzen ist. Wem‘s gefällt, aber findet, dass das Potential oft nicht gut genutzt wird oder der Funken nur irgendwie nicht überspringen will, sei der Vorgänger nur aller wärmstens ans Herz gelegt. Am besten für die 360.
 

 

Andreas meint:

Andreas
Leider konnte Produzent Hidetaka „Swery 65“ Suehiro nicht ganz am zuvor Erreichten anknüpfen. Doch ein Versprechen, und das ist der entscheidende Punkt, vermag er zu halten. A Blessing in Disguise ist der langersehnte Nachfolger seines Meisterwerks mit dem einmaligen, unnachahmlichen Charme. Es war also für mich ein großes Vergnügen, nach all den Jahren, mit York Selbstgespräche zu führen. Wie dieses zweite Kapitel auf Spieler wirkt, die damals noch nicht mit in Greenvale gewesen sind, lässt sich für mich nur erahnen. Für alle Kenner bleibt ob des qualitativen Rückschritts aber leider ein fader Beigeschmack und leichte Enttäuschung. Insbesondere da meine Kritik oft daher rührt, dass Dialoge und Handlungen einfacher verdaulich und verständlich gestaltet wurden. Bspw. wenn massenkompatible Popkultur besprochen wird. Und warum werden die aktuellen Ereignisse immer doppelt und dreifach durchgekaut und zu allem Übel noch durch hast-du-auch-aufgepasst-artige Fragen geprüft?
 
Doch FBI-Veteranen auf den Spuren der roten Samen entgeht trotzdem etwas, begeben sie sich nicht in die Südstaaten. Einige Momente sind ähnlich gut geschrieben und darstellt, wie im Vorgänger und werden lange erinnerungswürdig bleiben. Wie beispielsweise der Alligator im Voodooladen. Und letzten Endes gibt es eh nichts Vergleichbares. Auf eine Rückbesinnung zur Detailverliebtheit und Stimmung der Greenvale-Ermittlung hoffe ich für einen dritten Teil dennoch sehr.

Positiv

  • Einer der interessantesten Hauptcharaktere der Videospielwelt
  • Frischer und unverbrauchter als sooo viele andere Spiele
  • Ungewöhnliche Handlung, Charaktere, Musik, Gespräche und Gegenstände

Negativ

  • Miese Bildrate und lange Ladezeiten
  • In vielen Punkten nicht so genial wie sein Vorgänger
  • Aaliyah Davis und Simon Jones
Userwertung
5.3 6 Stimmen
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Forum
  • von khaos:

    CD-i schrieb: "you should not speak if you not understand" So says Mr. Stewart Sehr gut hast du da zitier @CD-i Hätte das nicht auf Lager gehabt CarlosMiyamoto...

  • von Civilisation:

    Ist Deadly Premonition 2 gut? Ist es schlecht? Das hat Andreas für euch herausgefunden. Deadly Premonition 2: A Blessing in Disguise Für mich und für viele andere war Red Seeds Profile ein Ausnahmespiel, als es 2010 für die Xbox 360 erschien. Neben Dark Souls stach für mich...

  • von PatrickF27:

    Mir ist noch ein Film eingefalle, der im 2.Teil erwähnt wird: They live von John Carpenter...

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