Wertarbeit aus deutschen Landen - bereits der erste Egoshooter Far Cry des teutonischen Entwicklers Crytek verblüffte anno 2004 mit noch nie dagewesener Optik. Drei Jahre später schraubte Crysis den Eyecandy-Faktor nochmals deutlich nach oben, stellte jedoch derart hohe Hardware-Anforderungen, dass nur absolute Highend-PCs die imposante Grafik dieses spielbaren Benchmarks gebührend darstellen konnten. Zudem blieben die Verkäufe weit hinter den Erwartungen zurück - Crysis erschien ausschließlich für PCs und hatte mit der üblichen Raubkopier-Problematik zu kämpfen. Bei beiden Punkten gelobten die Macher Besserung: die CryEngine 3 soll auch durchschnittlicher Hardware knusprige Effekte entlocken, zudem erscheint Crysis 2 sowohl für PC, als auch auf PlayStation 3 und Xbox 360.
Spielt bei soviel grafischem Bombast die Hintergrundgeschichte in
Crysis 2 eine eher subsidiäre Rolle? Jein. Zwar wurde mit Richard Morgan ein namhafter Autor angeheuert, dennoch bietet die Story im Grunde nur das altbekannte Alien-Einerlei. Ihr mimt Alcatraz, einem Angehörigen der US-Streitkräfte, dessen U-Boot im Hudson-River Schiffbruch erlitten hat. Am Ufer werdet ihr von einem mysteriösen Cyber-Soldaten namens Prophet aufgesammelt, den Veteranen bereits aus dem Vorgänger kennen dürften. Dieser überlässt euch bereitwillig seinen Hightech-Anzug und ballert sich anschließend das Hirn weg. Plötzlich wollen euch alle an's Leder - Marines, Söldnertruppen und natürlich kleine grüne Männchen. Auch wenn das Setting durchaus eine gewisse Spannung entwickelt - die Handlungsbögen von Egoshootern mit vergleichbarem Szenario, wie Resistance oder Half-Life 2, wirken wesentlich cineastischer.
Man wird das Gefühl nicht los, als ob
Crytek zunächst die Nano-Suit entworfen und anschließend eine Alien-Mär drumherum gebastelt hat, sogar einen eigenen Trailer hat der edle Zwirn spendiert bekommen. Und mit Verlaub - der Cyber-Smoking ist in der Tat ziemlich abgefahren. Als eine Art Exoskelett versieht er Alcatraz mit erhöhter Kraft, wodurch er mühelos parkende PKWs von der Strasse kicken, extrem hoch springen oder schnell sprinten kann. Zudem lässt sich sich die Außenhaut verhärten, wodurch euer Alter-Ego weniger schmerzempfindlich wird oder eine Tarn-Camouflage aktivieren - passend dazu gibt's natürlich noch Predator-like Infrarotsicht.
All diese Funktionen zehren jedoch von eurer Anzug-Energie und stehen somit nur für einen kurzen Zeitraum zur Verfügung. Geht die Anzeige zur Neige, muss sie sich erst regenerieren. Im Laufe des Spiels lässt sich Alien-DNA ergattern, die der Nano-Suit weitere Fähigkeiten beschert. Mit dem grundlegenden Nano-Einmaleins seit ihr aber bereits gut für die intergalaktische Alien-Invasion gerüstet. Passend zur Haute Couture lassen sich natürlich auch die Ballermänner anpassen, von denen ihr stets zwei Exemplare bei euch tragen könnt. Nach und nach lässt sich Kimme und Korn gegen ein moderneres Reflex-Visier tauschen, ein Granatwerfer anbauen oder ein Schalldämpfer vor den Lauf pflanzen.

Die kleinen Inspektor-Gadget-Gimmicks werdet ihr im Kampf gegen die feinliche Übermacht auch bitter nötig haben, selbst auf normalem Schwierigkeitsgrad ist
Crysis 2 äußerst fordernd und gnadenlos. Systematisch versucht euch die gegnerische Soldateska einzukreisen, zudem verfügen die Jungs über reichlich Hitpoints. In Abstinenz üben sich jedoch leider epische Bosskämpfe. Die Spielmechanik unterscheidet sich vom Shooter-Einerlei durch einen Aspekt, den die Entwickler "Vertical Gameplay" getauft haben. Die meisten Areale des virtuellen Big Apples sind großflächig und weitläufig gestaltet. Von einem erhöhten Aussichtspunkt lässt sich das Gelände via Fernglas analysieren, nach Gegnern und Deckungsmöglichkeiten absuchen. Auf diese Weise kann sich der Sofa-Söldner eine Strategie zurecht legen, wie er möglichst reibungslos von A nach B kommt. Je nach Gusto bleibt es euch überlassen, ob ihr offensiv in rustikaler Rambo-Manier das Gefecht sucht oder lieber unentdeckt auf den Pfaden Sam Fishers wandelt.

Der Anzug bietet für jede Taktik das entsprechende Rüstzeug: Hechtet kurzzeitig aus der Deckung, aktiviert die Nano-Panzerung und schießt ein paar Salven ab, ehe ihr hinterm Mauervorsprung die Anzug-Energie auffrischt. Aktiviert die optische Tarnung und schleicht unbemerkt durch feindliche Stellungen. Es ist wirklich erstaunlich wie gut das Wechselspiel dieser beiden Mechanismen funktioniert. Die Freiheit des Vorgängers wird zwar nicht geboten und die Marschrichtung ist fest vorgegeben, dennoch ist
Crysis 2 eine erfrischende Alternative zu den klaustrophobischen Schlauch-Levels der Konkurrenz.
Leider hapert es etwas bei der eigentlichen Steuerung - das überbelegte Pad offenbart die PC-Herkunft des Egoshooters, zudem gestaltet sich das Zielen schwammig und leicht unpräzise. Hier sind XBox-Besitzer dank der strafferen Sticks leicht im Vorteil. Im Multiplayer-Modus dürfen bis zu 12 Spieler gegeneinander antreten. Dieser ist jedoch eher auf Vollblut-Fragger zugeschnitten und bietet ein umfassendes Ranking-System, etliche Freischalt-Boni und noch mehr Upgrades als der Single-Player-Modus.
Widmen wir uns den Grafikroutinen. Eines vorweg: Für einen Multiformat-Titel sieht
Crysis 2 wirklich hervorragend aus. Die Entwickler haben sich sichtlich bemüht, das Optimum aus der jeweiligen Hardware zu kitzeln. Vor allem die PC-Version stellt erwartungsgemäß alles in den Schatten und deklassiert die Konkurrenz. Feinste Partikeleffekte, ein abstrus hoher Detailgrad und geschmeidige Animationen vereinigen sich zu einer fotorealistischen Grafik-Melange. Mit diesem Shader-Orgasmus können die Konsolen-Versionen nicht mal im Ansatz konkurrieren, dafür ist die Draw-Distance zu gering und die Texturen zu matschig.

Dennoch mischen sowohl die XBox- als auch die PS3-Variante in der Konsolen-Championsleague mit. Während XBox-Jünger in vollen 720p zocken dürfen, leidet das PlayStation-Crysis unter einer leicht verwaschenen Sub-HD-Auflösung, welche fleißige Pixelzähler auf 1024x720 bestimmt haben. Im Gegenzug punktet die PS3-Editionen mit wesentlich aufwendigeren Effekten, Layern und höher aufgelösten Texturen als das XBox-Pendant. Beiden Versionen ist der optionale 3D-Modus gemein, der wirklich ausgesprochen gut gelungen ist und die verwüsteten Strassenschluchten New Yorks umso imposanter erscheinen lässt.
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